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Die eigenen Leute
"Nein!", sagte sie und
schlug mit der Ofengabel auf den Fu?boden. "Wagt's euch ja nicht!"
Die beiden sa?en am Tisch und tauschten Blicke. Der Altere, der hochaufgeschossene,
hagere, junglingshaft unbeholfene Ales, zog eine finstere Miene und bockte,
wahrend uber das noch kindliche, aufgedunsene Gesicht des funfzehnjahrigen
Siomka Widerspenstigkeit und Wut huschten.
"Wir gehen doch!"
"Versucht's nur! Versucht's nur, ihr Milchgesichter! Solche Hirngespinste,
ihr Rotznasen, elende! Ich werde euch schon eure Partisanen zeigen!"
Das war eine Drohung, aber aus ihr klangen nicht Starke und Selbstbewusstsein,
sondern solche Hilflosigkeit, dass die Mutter aufschluchzte und mit der
Ofengabel auf die Jungen losging.
Sie hatten fortlaufen sollen, wie sie das bisher immer getan hatten Aber
jetzt ruhrten sie sich nicht von der Stelle und brachten sie dadurch vollig
aus der Fassung. Siomka hob nur den Arm, sie drosch einige Male auf ihn
ein, ohne darauf zu achten, wohin sie traf, und dann versetzte sie Ales
einen Schlag. Er nahm diesen Schlag hin. Sein finsteres, schmales Gesicht
zeigte nur steinerne Gleichgultigkeit. Er zuckte nicht einmal zusammen,
sondern presste die Lippen nur noch fester aufeinander, und ihr wurde
klar, es war alles umsonst.
Vergebens ihr ganzer Zorn, ihr Schimpfen, ihr verspateter Versuch, die
Herrschaft uber die Jungen zuruckzugewinnen. Verzweiflung zwang sie auf
einmal in die Knie, sie warf die Ofengabel beiseite und trat hinaus auf
den Flur.
Einige qualende Augenblicke lang stand sie hilflos und gekrankt an der
Truhe, vollig au?erstande, zu begreifen, warum die Burschen so widerspenstig
waren in ihrem offensichtlich gefahrlichen Vorhaben.
Sie verstand und rechtfertigte es sogar, wenn Erwachsene das taten, Angehorige
versprengter Truppenteile oder ihre eigenen Manner. Aber was an diesem
Gemetzel konnte ihre halbwuchsigen Burschen locken, die doch fast noch
Kinder waren? Was wurden sie im Walde anderes tun als auf unsinnige Weise
ums Leben kommen? Wie der, der vor einer Woche die ganze Nacht bis zum
Mittag in seinem blutigen Soldatenhemd am Dorfrand gelegen hatte. Ein
junges, hubsches Kerlchen, den die Deutschen aus dem Hinterhalt erschossen
hatten! So wurden sie dann auch herumliegen, unbekannte Leute wurden sie
schreckenerfullt ansehen, besoffene Polizisten wurden sie mit ihren eisenbeschlagenen
Schuhen vor sich her rollen, und an ihren nackten Fu?en wurden gierige
Fruhjahrsfliegen emsig hin und her laufen,
Nein, das durfte nicht sein! Genugt schon, dass der Vater so fruhzeitig
sein Leben hingegeben hat. Aber die beiden hatten, Gott sei Dank, noch
eine Mutter! Die kann ihren sicheren Untergang nicht zulassen! Ihr war
naturlich bekannt, wer sie zu dieser unheilvollen Sache angestachelt hatte.
Sie wird ihn finden und nicht ein einziges Haar an seinem schmucken blonden
Haarschopf lassen! Mit unerwarteter Entschlossenheit lief sie von der
Truhe weg, hinaus auf den Hof, kam aber gleich wieder zuruck, lief im
Flur hin und her, suchte etwas, um damit die Tur zu verriegeln, und da
sie nichts Passendes fand, riss sie einen Tragegurt vom Haken. Voll rachgieriger
und bosartiger Freude versperrte sie die Tur zur Hutte mit dem Tragegurt
und sturzte auf die Stra?e. Im Laufen ruckte sie sich ihr Kopftuch zurecht,
unterlie? es aber, die Tranen abzuwischen, die ihr noch immer uber die
Wangen liefen.
Sie rannte die Stra?e hinunter, dass die Huhner an den Zaunen erschrocken
auseinanderstoben, wirbelte mit ihren nackten Fu?en Staub auf, wahrend
ihr der Kopf drohnte vor zornigen Worten, hervorgebracht von dem krankenden
Unrecht, das ihr als Mutter angetan werden sollte. Sie wird diesem Jachim
sagen, dass er ein Morder ist, ein erbarmungsloser Unmensch! Sie wird
ihn fragen, was er eigentlich will von diesen grunen Jungen. Soll er selber
gehen, wohin er will, ihretwegen zu den Partisanen oder auch zur Polizei
oder sogar dem Teufel zwischen die Zahne kriechen. Aber nicht mit ihren
Jungen! Er muss ihnen sagen, dass er sie nicht mitnimmt, Wenn nicht, schlagt
sie ihm alle Pfannenstiele auf seinem Schadel kaputt; das ganze Dorf soll's
sehen.
Wutentbrannt riss sie die Tur zu einer alten, schiefen Kate auf, ohne
sie wieder hinter sich zu schlie?en, danach offnete sie eine zweite Tur.
Die Kuhle des Lehmfu?bodens und menschenleere Stille schlugen ihr entgegen.
Sie zerrte die Decke von einer Gestalt, die hinter dem Ofen lag. Aus einem
Haufen alter Sachen richtete sich der wei?haarige Schadel des alten Lukasch
auf, und seine halbblinden, erloschenen Augen blinzelten sie greisenhaft
an.
"Wo ist euer Anfuhrer?"
"Meinst du den Jachim? Wer wei?? Heute fragen doch die Kinder ihre
Eltern nicht mehr".
"Hat er heute nacht hier geschlafen?"
"Wei? ich nicht. Hab nichts gehort".
Naturlich, was sollte dieser fast blinde, gottverlassene alte Mann auch
schon wissen? Offensichtlich war es doch nicht so einfach, an Jachim heranzukommen.
Sie spurte, ihr ganzer Zorn wurde nutzlos verrauchen. Doch es musste etwas
geschehen! Sie weinte nicht mehr. Nur ein wilder Schmerz presste qualvoll
ihre Brust zusammen, und wahrend sie, an den Ofen gelehnt, tief Luft holte,
um ihrer Herr zu werden, stohnte Lukasch schicksalsergeben in der Ofenecke,
gepeinigt von seinem eigenen Siechtum.
Und sie gibt sie nicht her! Es sind ihre Kinder, und sie ist die Mutter,
und sie lasst es nicht zu, dass sie in den sicheren Tod gehen! Lieber
will sie sterben, um sie von ihrem unsinnigen Vorhaben abzubringen. Aber
ihre Kinder bewahrt sie vor dem Tode!
Die ganze Zeit ging sie fast im Laufschritt, durch das Dorf, vorbei an
den Scheunen, den Stallen, den Speichern, die ihr alle seit der Kindheit
so vertraut waren, dann uber den Anger mit seinem jungen Fruhlingsgras,
entlang an dem mit erstem Fruhlingsgrun so frisch und lustig geschmuckten
kleinen Graben. Wie an eine letzte Rettungsmoglichkeit klammerte sie sich
jetzt an den Gedanken, zu Drozd zu gehen, der in dem unweit gelegenen
Stadtchen wohnte. Zwar war er seit dem Winter bei der Polizei, tat wichtig
und streng, wie ein Chef, aber sie kannte doch seine Mutter und ihn seit
fruhester Kindheit! Immerhin war er ein entfernter Verwandter von ihr
und nicht irgendwer Fremdes. Sie wird ihm erzahlen von ihrem Kummer, und
er muss ihr beistehen! Als Mann und - was das Wichtigste bei den jetzigen
Zeiten war - als Vertreter der Obrigkeit. Soll er den Jungen einen Schreck
einjagen und sie ein paar Tage ins Spritzenhaus sperren, soll er sie sogar
einige Zeit ins Gefangnis stecken. Nur damit sie nicht in den Wald gehen
und sie auf ihre alten Tage allein lassen.
Sie hatte nur Angst, dass Drozd fortgefahren sein konnte, dass er zu tun
hatte, ihr nicht helfen wurde und ihr dadurch die letzte Moglichkeit nahm,
die Jungen zuruckzuhalten. Die Sonne stand schon niedrig und verschwand
langsam hinter einer breiten Wolke uber dem Walde. Sie wusste, das war
die Zeit, da kamen die Angestellten in der Stadt vom Dienst und erledigten
ihre Angelegenheiten. Zwar dachte sie mit Schrecken daran, dass sie nichts
bei sich hatte. Immerhin musste sie ihm eine kleine Aufmerksamkeit bringen
und auch ein Flaschchen Branntwein. Aber darum sollte er sich keine Sorgen
machen, Hauptsache, er half ihr.
Er war zu Hause. Das sah sie sofort, als sie von der Hauptstra?e in die
schmale Gasse einbog, in der sein schmuckes Hauschen mit den Kirschbaumen
zu beiden Seiten und dem Schilfrohr davor stand. Aus den beiden geoffneten
Fenstern drang laute Musik, und hinter den Blumentopfen auf dem Fenstersims
bewegte sich eine Mannerschulter mit Achselstucken.
Sie ruckte noch einmal ihr Kopftuch zurecht, wischte sich mit ihren schwielenharten
Handen verstohlen die Augen aus und stieg so leise wie moglich die Treppe
hinauf. Die Tur zur Wohnung war offen. Drozd sa? auf der Bank und wandte
ihr gleich sein rasiertes Gesicht mit der gro?en Nase darin zu. In seinem
Blick standen Verwunderung und Erstaunen.
"Was willst denn du, Tantchen?"
Dass er sie nach Bauernart Tantchen nannte, machte ihr Mut, und unter
seinem strengen und ihr sogar bosartig erscheinenden Blick trat sie von
der Schwelle auf den Lauter und sagte: "Ich hab mit dir zu reden,
Piatrovitsch".
Das Grammophon am Tischende verstummte, jemand drehte an einer blitzenden
Kurbel, und ein paar Manner starrten sie hochst aufmerksam an. Sie wurde
etwas verlegen unter diesen Blicken und wusste nicht recht, wie sie ihr
Anliegen, das doch so einfach und verstandlich war, vorbringen sollte.
Irgendwo im Unterbewusstsein flackerte fur einen Augenblick ein unangenehmes
Gefuhl, ja sogar Bedauern auf, hierhergekommen zu sein, aber einen anderen
Ausweg hatte sie ja schlie?lich nicht!
"Ich will mich mit dir beraten. Meine Sohne..."
"Was ist mit deinen Sohnen? Sprich deutlicher".
Krampfhaft suchte sie nach Worten, um so schnell und so einleuchtend wie
moglich zu erklaren, was sie hierhergefuhrt hatte.
"Na, rede schon, sprich, hab keine Angst. Wir sind hier ganz unter
uns".
"Meine Sohne... haben was Schlimmes vor".
"Was denn, haben sie sich heimlich mit den Banditen getroffen?"
Die Manner am Tisch schienen einer wie der andere zusammenzufahren und
wandten sich ihr zu. Drozd aber sprang entschlossen auf, schwer und gewichtig
stand er vor ihr in seinem blauen Unterhemd, und die Bretter im Fu?boden
knarrten unter ihm.
"Na, rede!"
In dem klaren Bewusstsein, dass sie sich jetzt zu dem Wichtigsten entschlie?en
mu?te, weswegen sie hierhergekommen war, schrie sie fast: "Piatrovitsch,
mein lieber guter Piatrovitsch, ich bitte dich, tu ihnen nichts zuleide...
Mach ihnen nur ein bisschen Angst. Aber straf sie nicht. Sie sind doch
noch jung, noch richtige Milchgesichter, der alteste war doch im September
erst achtzehn. Die verstehen doch kaum..."
"Aha! So, so. Na ja, verstehe. Wo sind sie jetzt?"
"Zu Hause. Ich hab sie eingesperrt".
"Eingesperrt? Ausgezeichnet, Tantchen. Gehen wir!"
Er zog sich hastig seine Polizeiuniform uber und riss die Flinte von der
Wand. Die anderen erhoben sich ebenfalls; es wurde eng im Zimmer. Sie
trat beiseite. In ihrem Innersten hatte sich etwas zusammengezogen und
war erschlafft, und wahrend sich Drozd den breiten Polizistengurtel umband,
flehte sie, die Fauste an die Brust gepresst: "Piatrovitsch, Sohnchen,
aber dass ihr im guten..."
"Machen wir. Auf ganz feine Art! Barsuk, nimm das Seil!"
Sie traten hinaus auf den Hof, und damit es schneller ging, liefen sie
uber die Felder. Die Sonne hatte sich hinter einer Wolke versteckt. Der
abgeerntete nackte graue Acker machte einen sehnsuchtig-finsteren Eindruck.
Noch konnte man sehen, und ganz still war es.
Hier im Freien vermochte sie die Manner besser zu erkennen. Au?er Drozd
waren da noch zwei in deutschen Uniformen und Feldmutzen, wahrend der
eine, der hinten ging, eine Ziviljacke und graue Baumwollhosen trug. Den
im Zivil glaubte sie zu kennen. Sie lief etwas vor und fragte ihn: "Sie
kommen mir so bekannt vor. Sind Sie nicht aus Salessie?"
"Bin ich, Mutterchen", erwiderte er mit liefer Bass-Stimme,
ging aber nicht weiter darauf ein. Sie betrachtete sich die anderen zwei,
ihre starren, glattgeschorenen Nacken. Aber das waren ja Fremde.
Sie gingen uber die Anhohe, die Heuwiese und streiften die Weidenbusche
am Bach. Auf dem Moorfeld fuhrte der Hinkefu? Prakaptschuk, ein Alter
aus ihrem Dorf, den Pflug. Er lie? das Pferd halten und betrachtete aus
der Ferne lange Zeit die Frau und die vier Polizisten mit ihren Flinten.
Sie sagte nichts zu ihm, erwiderte nicht einmal seinen Gru? und ging voruber,
merkte jedoch sofort auf, als sie die erhohte Aufmerksamkeit des Mannes
spurte, den sie kannte. Aber sie konnte dieses unangenehme Schreckgefuhl
gleich wieder unterdrucken. Sollen sie den Burschen ruhig einen Denkzettel
verpassen! Umbringen werden sie sie ja nicht. Haben ja den Deutschen noch
nichts getan. Wozu sie also ernstlich strafen?
Die ganze Zeit, auf dem Felde und auf dem Anger, war sie den Mannern hinterher
gelaufen. Erst als sie den Hof betraten, am Brunnen, lie? Drozd sie vorangehen
und gab ihr sogar einen leichten Stupsen, als wie: Geh, wir kommen nach.
Mit gewohnten Schritten und flink wie immer trat sie auf die breite, flache
Steinplatte, dann auf die Schwelle, und da gewahrte sie auf einmal, dass
der Tragegurt nichts genutzt hatte. Er lag auf der Erde, und das Haus
stand offen. Aber gleich erblickte sie Siomka, und sie bemerkte einen
Ausdruck von Schrecken, ja sogar von Entsetzen in seinem noch kindlichen
Gesicht Der Junge stand uber den Kubel gebeugt, in dem sie immer Fleisch
und Wurst aufbewahrt hielt, und hatte ein Stuck Speck in der Hand. Zu
seinen Fu?en erblickte sie eine kleine Tasche. Da war ihr sofort alles
klar, und sie schmunzelte kurz in sich hinein.
Im gleichen Augenblick schrie Siomka auf, lie? den Speck fallen, zog den
Kopf ein und sturzte zur Tur, im Laufen seine Mutter heftig beiseite sto?end.
Von hinten schrie jemand, es war wohl Drozd oder jemand anders, und dann
krachten ohrenbetaubend ein, zwei, drei Schusse. In ihr erschlaffte alles,
sie wankte, konnte sich aber noch aufrecht halten, und als sie spurte,
dass etwas unwahrscheinlich und unnotig Schreckliches geschehen sein musste,
lief sie aus dem Flur.
"Sohnchen! Sohnchen! Bleib stehen!"
Sie sturzte zu dem Polizisten in der grauen deutschen Feldmutze, der mit
seinem Karabiner am Zaun stand.
Er lie? das Gewehr sinken, fluchte, stie? die Frau rucksichtslos beiseite
und stieg uber eine Zaunstange in den Garten. Sie hatte ihn nicht verstanden.
Sie verstand uberhaupt nichts von dem, was hier vor sich ging. Siomka
war nirgends zu sehen, und erst als der Polizist breitbeinig quer durch
den frisch geeggten Garten stakste, gewahrte sie den Kopf ihres Sohnes,
seine Schultern und die zur Seite gestreckten Arme. Unbeweglich lag er
auf dem modrigen Boden, drei Schritte nur vom Kirschbaum entfernt, der
jetzt in uppiger Blute stand.
Da schrie sie auf und sturzte nieder auf den staubigen Hof. Das Bewusstsein
einer entsetzlichen Ungerechtigkeit raubte ihr alle Sinne. Sie war nicht
mehr in der Lage, zu begreifen, wie alles geschehen sein konnte. Sie schlug
mit dem Kopf gegen die harte Erde, die festgetrampelt war wie ein Dreschboden,
hammerte darauf mit ihren unweiblich gro?en Fausten und verging vollig
in einer fast tierischen, irrsinnigen Verzweiflung angesichts dieser nicht
wiedergutzumachenden Untat. Eine Stimme, die bekannte und gleichzeitig
doch so veranderte Stimme ihres altesten Sohnes, riss sie aus diesem Zustand.
"Lakaien, kaufliche!"
Immer noch am Boden liegend, hob sie den Kopf und sah durch einen Tranenschleier,
wie Drozd und noch zwei Polizisten ihren Sohn aus dem Flur zerrten, seine
Arme gewaltsam auf dem Rucken verdrehten, um sie mit dem Seil zusammenzubinden,
das sie mitgebracht hatten.
"Ihr Otterngezucht! Auch fur euch findet sich noch ein Strick!"
"Sei ruhig, Grunschnabel!"
Der Polizist mit den grauen Hosen stie? ihn kurz und heftig mit dem Knie
in den Bauch, Ales schwankte, fiel aber nicht, und sie, die schon vollig
die Gewalt uber sich verloren hatte, schrie: "Sohnchen!"
Er sah nicht einmal hin zu ihr. Sein Gesicht war voll Zorn und Harte.
Er stie? mit dem einen Fu?, an dem er noch einen Schuh hatte, durch die
Luft und trat den Polizisten.
"Nieder mit Hitler!"
"Ja, so. Du Grunschnabel!"
Drozd versetzte ihm einen machtigen Schlag mit dem Gewehrkolben, und Ales
fiel mit seinen gefesselten Armen schwerfallig auf die Steinplatte an
der Schwelle. Die Alte sprang auf ihren entfernten Verwandten zu, packte
seine Fu?e, die in dreckigen, ungeputzten Schuhen steckten, und versuchte,
ihn daran zu hindern, ihren Sohn zu schlagen. Aber diese Fu?e stie?en
und schleuderten sie beiseite. Sie uberschlug sich und schluchzte laut
auf vor Schmerz.
"Ja, so. Du Grunschnabel!" sagte Drozd. "An die Wand mit
ihm".
Die zwei anderen rissen ihren Sohn mit roher Gewalt an den gefesselten
Armen, schleuderten ihn gegen die geborstenen Mauerbalken, und Drozd richtete
seinen Karabiner auf ihn. Sie schnellte erneut hoch, sturzte zu ihrem
Sohn, aber da krachte es bereits ohrenzerrei?end uber ihrem Kopf. Vollig
unnaturlich und erschreckend reckte Ales seinen Korper, sein Mund verzerrte
sich, und hilflos sank sein Kinn auf die Brust. Sein Rucken glitt die
Wand hinunter, und in dieser unverstandlich gekrummten Pose erstarrte
er am Mauersockel.
Da wurde ihr klar, was fur ein unverzeihlich schreckliches Ungluck sie
uber ihre Sohne und sich gebracht hatte, sie griff nach dem ersten Besten,
was ihr in die Hande fiel, die Rute, mit der sie fruhmorgens immer die
Kuh hinaustrieb, und sturzte rasend vor Wut auf Drozd los.
"Untier, Aussatz, Morder! Was hast du getan? Ein Ungeheuer bist du
und kein Mensch!"
Sie schlug ihn auf den Kopf und ins Gesicht, aber Drozd hatte den Kopf
eingezogen, hielt ihr abwehrend den Ellenbogen entgegen, und sie schlug
ihn auf den Oberarm mit der verhassten gestreiften Armbinde, auf die schwarze
Feldmutze, bis Drozd sie mit dem eisernen Gewehrkolben vom Zaun zuruckstie?.
"Weg, du Natter!"
Au?er sich vor Schmerz und wie betaubt, verstummte sie. Der eine Polizist
zerrte gerade Siomkas lang ausgestreckten Korper aus dem Garten, warf
ihn achtlos auf den Hof und fuhr in die Tasche, um sich Machorka herauszuholen,
wobei er sich asthmatisch rausperte.
"Na, hast ihn ja gleich richtig getroffen", lobte Drozd den
Polizisten barbei?ig. Der andere bellte mit boser Stimme: "So muss
es auch sein. Er wusste nicht, wer ihn getroffen hat. Mir entkommt keiner!"
Mit sich selber zufrieden, stie?en sie unflatige Fluche aus und machten
sich ans Rauchen. Die Mutter lag gekrummt auf dem jungen, niedrigen Gras,
schien aber nichts mehr zu bemerken und auf nichts mehr zu reagieren.
Als das schmerzhafte Drohnen im Kopf etwas nachgelassen hatte, erhob sie
sich, zuerst auf die Knie, dann auf die nackten, schwieligen Fu?e, und
uberzog mit einem stumpfen, tierisch wilden Blick den Hof mit den leblosen
Korpern ihrer Sohne. Sie hatte nur noch wenig Kraft, hielt sich am Zaun
fest und schleppte sich, von einer Zaunlatte zur anderen greifend, vollig
entkraftet hinaus auf die Stra?e. Die Polizisten hielten sie nicht zuruck,
schrien nicht. Auf dieser Welt war sie auch fur nichts mehr empfanglich.
Das Entsetzen hatte sie restlos zu Boden geschmettert. Sie schleppte sich
zum Brunnen, sturzte bauchlings auf den Rand des niedrigen, schleimigen
Brunnenkastens, und als sie dort unten den fernen Widerschein des Lichtes
erblickte, sturzte sie sich, wie um eine Gerechtigkeit wiederherzustellen,
in die finstere, gahnende Tiefe.
1966
Ubersetzung: Hans-Joachim Grimm
Quelle: Belarussische Erzahlungen. Minsk, Bellitfond Verlag, 2000.
Bielaruskaja Palicka: www.knihi.com
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