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Eine Nacht
1
Urplotzlich waren die deutschen
Stukas da.
Hinter den von Werfergranaten zerfetzten, spitzgiebligen Dachern hervor
tauchten ihre schnellen, dunn-schwanzigen Schatten auf und fielen mit
lautem, hysterischem Heulen uber die Stadt her. Iwan Waloka verlangsamte
seinen Lauf, blickte erregt zum raucherfullten Himmel auf, und als er
bei dem vordersten Flugzeug sich die ersten Bomben losen sah, warf er
sich deckungsuchend neben ein eisernes Gitter langs der Stra?e. Der nicht
mehr junge, breitschultrige Soldat mit der Mutze und der engen, alten
Feldbluse lag angespannt da und wartete.
Die Bomben detonierten in der Grunanlage hinter der Umzaunung.
Die Erde erbebte, eine hei?e Welle schlug Waloka in den Rucken, in den
Ohren drohnte es schmerzhaft. Ganz in der Nahe klirrte etwas kurz und
hell, und gleich darauf waren die Stra?e, die Hauser und die Grunanlage
in graue Staubwolken gehullt.
Funfhundert Kilo mindestens, dachte Waloka, wahrend er den Sand ausspuckte.
Ringsum, auf dem Gehsteig, in der Anlage und auf dem Fahrdamm, prasselten
Steinbrokken hernieder, hochgeschleuderte Asphaltfetzen klatschten auf
die Erde zuruck, die Staubwolke, in der dicht an dicht Akazienblatter
herumwirbelten, sank allmahlich zusammen. Irgendwo oben hammerte ein Maschinengewehr,
sofort spritzte von einem splitterzersiebten grauen Gebaude der Putz,
und ein gelbes Leuchtspurgescho?, gro? wie eine Bohnenhulse, raste, gegen
die Steine knallend und torkelnd, wild uber den Gehsteig. Schon setzten
die Stukas heulend zum nachsten Angriff an.
Er mu?te weiter.
In der Anlage tauchten zwischen den schlanken Baumen die geduckten, schwei?nassen
Rucken der Kameraden auf, jemand sprang uber das Zaungitter und sturmte
zur anderen Stra?enseite hinuber. An einem dunklen Flicken auf der Schulter
erkannte Waloka einen Gruppenfuhrer aus seinem Zug, einen Unterfeldwebel.
Erfreut, einen von den eigenen Leuten vor sich zu haben, sprang Waloka
auf und folgte ihm gebuckt.
Mit wenigen Satzen hatte der Unterfeldwebel die Stra?e uberquert und verschwand
beim erneuten Heulen der Stukas in einem Torweg. Waloka war ein wenig
zuruckgeblieben. Hinter ihm donnerte eine Detonation, und als er, au?er
Atem, unter das rettende Gewolbe fluchtete, hatte er vor Uberraschung
beinahe aufgeschrien - vom Hof her kamen zwei Deutsche geradewegs auf
ihn zugelaufen. Waloka stolperte, prallte zuruck, aber auch die Deutschen
hatten ihn hier offenbar nicht erwartet. Der vordere rief dem anderen
etwas zu, fur einen Moment blitzten in seinen weit aufgerissenen Augen
Schreck und Erstaunen. Im selben Augenblick zog Waloka, ohne zu zielen,
durch. Die MPi tanzte von dem langen Feuersto?, der Deutsche lie? den
Karabiner fallen und schlug mit dem Gesicht aufs Pflaster. Sein nagelneuer
Stahlhelm kurvte laut scheppernd uber den Gehsteig.
Wohin der andere verschwand, sah Waloka nicht.
Ringsum krachten Detonationen, irgendwo sturzte polternd ein Gebaude zusammen,
in den Torweg walzten sich Wolken roten Ziegelstaubs. Waloka duckte sich,
sprang uber den ausgestreckten Arm des Deutschen hinweg, an dem noch die
beringten, knochigen Finger zuckten, und sturmte durch eine offene Tur.
Drinnen fuhrten Stufen nach unten. Waloka trat in der Eile fehl und sturzte
der Lange nach ins Dunkel. Die Maschinenpistole, die ihn uberholt hatte,
schlug klirrend auf.
Waloka fand sich in einem Keller wieder.
Hier war es still und dunkel. Der kalte Zementfu?boden kuhlte angenehm
seinen erhitzten Korper. Waloka rieb sich die geprellten Knie, horchte,
stand langsam auf, tat einen Schritt und noch einen, buckte sich, um die
verlorene Waffe zu suchen, und zuckte plotzlich zusammen - seine Finger
waren auf ein Paar staubige, warme Stiefel gesto?en. Er erschauerte, die
Stiefel entglitten seinen Handen, und im selben Moment stie? ihm etwas
Stumpfes und Schweres in den Rucken. Er stohnte auf, schnappte nach Luft
und bekam im Dunkeln ein Paar Beine zu fassen. Ein Deutscher! durchzuckte
es ihn.
Der Gegner verlor das Gleichgewicht, aber seine Hande erhaschten noch
Walokas Kopf und schlossen sich um seinen Hals. Waloka spannte alle Krafte
an, um sich loszurei?en, doch vergebens. Der Gegner beugte ihm den Kopf
immer tiefer und versuchte, mit den nagelbeschlagenen Stiefeln auf dem
Fu?boden scharrend, ihn zu uberwaltigen. Nachdem sich Iwan vom ersten
Schreck erholt hatte, krallte er sich in der Uniform des Deutschen fest
und versetzte ihm, nachdem er mit den Fu?en einen Halt gefunden hatte,
mit der Wucht seines ganzen Korpers einen Sto?.
"Uch!"
Beide sturzten schwer zu Boden. Der Schmerz im zusammengepre?ten Hals
lie? Iwan keuchen, doch er spurte, wie die Knochen des Gegners unter ihm
krachten. Er lag jetzt oben, suchte in der Dunkelheit mit den Beinen nach
einem zuverlassigen Halt und krallte sich in die Hande des Gegners, die
seinen Hals zuschnurten.
Nach einer Minute oder auch weniger hatte er seinen Kopf unter au?erster
Anstrengung befreit und den Deutschen mit einem heftigen Ruck der Lange
nach auf dem Boden ausgestreckt. Noch ein wenig unglaubig spurte Waloka,
da? er starker war als sein Gegner; nur da? der anscheinend gewandter
war, denn kaum gelang es Waloka, sich aus der Umklammerung der Hande zu
losen, als sie ihm auch schon wieder an der Kehle sa?en.
Vor Schmerz brachte Waloka nur einen heiseren Laut heraus. Fur einen Moment
erschlaffte er, und der Deutsche wand sich unter ihm hervor, stie? ihn
mit den Beinen zur Seite und war oben.
"Aaa! Du Aas! Uuch!" krachzte Iwan.
Instinktiv verkrallte er sich in die Hande, die seinen Hals zusammenpre?ten,
und zerrte sie von sich weg, um die todliche Umklammerung zu losen. Schlie?lich
gelang es ihm mit letzter Kraft, sich unter dem Gegner hervorzuwinden,
er ri? die eine Hand von seinem Hals los, die andere rutschte daraufhin
tiefer und packte ihn am Kragen seiner zugeknopften Feldbluse.
Waloka rang nach Luft. Die Atemnot drohte ihm die Brust zu sprengen, ihm
war, als wurde im nachsten Augenblick sein Kehlkopf bersten. Da packte
ihn die Angst, auf so torichte Weise ums Leben zu kommen. Mit der Kraft
der Verzweiflung stemmte er die Knie gegen den Boden, spannte alle Krafte
an und drehte den einen Arm des Gegners, der ihm am meisten zu schaffen
machte, mit beiden Handen jah zur Seite. Der Kragen der Feldbluse krachte
in den Nahten, etwas schlug dumpf auf den Boden, der Gegner keuchte; seine
Stiefel scharrten wie wild auf dem Beton.
Das verschaffte Waloka Erleichterung. Er bekam die Kehle frei und gewann,
wie es schien, allmahlich die Oberhand uber den Deutschen. Wut uberkam
ihn, der leidenschaftliche Drang zu toten - das verdoppelte seine Krafte.
Strampelnd und schnaufend tastete er mit den Fu?en nach der Wand, stemmte
sich dagegen und warf sich mit dem ganzen Korper auf den Deutschen, so
da? dieser wieder unten lag. Waloka knurrte etwas vor Schadenfreude und
bekam, immer mehr in Raserei geratend, endlich den sehnigen Hals des anderen
zu fassen.
"Aaah!" brullte der Deutsche, und Waloka spurte, da? er die
Oberhand behalten wurde.
Sein Gegner lie? in seinen Anstrengungen merklich nach und verteidigte
sich nur noch, indem er Walokas unerbittliche Hande umklammerte. Waloka
wurde sehr von dem Beutel mit den Magazintrommeln behindert, der unter
den Deutschen geraten war und ihn mit dem Riemen festhielt, als sei er
angekettet. Bei dem Geraufe verlor Waloka erneut den Halt, die Wand war
plotzlich weg, und seine Fu?e schurrten uber den glatten Boden. Doch mit
au?erster Kraftanstrengung hielt er sich oben und gab den Gegner nicht
frei.
Verzweifelt winselte und rochelte der Deutsche, ri? an Walokas Handen,
versuchte hochzukommen, stie? mit dem Kopf auf den Beton und warf sich
heftig hin und her. Waloka lie? jedoch nicht locker, druckte ihn mit der
Schulter nieder, schlo? ihm die Hand fester um die Kehle und pre?te sie
zusammen.
In diesem Augenblick geschah etwas Schreckliches.
Eine ungeheure Detonation drohnte in den Ohren, der Fu?boden erbebte und
sturzte ins Bodenlose, mit Donnern und Krachen brach das dunkle Gewolbe
uber die beiden hernieder. Auf Kopf, Rucken und Schultern prasselten Ziegel,
Erde, Sand. Ein stickiger Gestank benahm ihnen den Atem. Waloka war instinktiv
aufgesprungen, hatte die Arme schutzend uber den Kopf gebreitet, sich
hilflos zusammengekrummt, der einsturzenden Decke den schwei?nassen, zerschlagenen
Rucken darbietend, und vor Schmerzen die Zahne zusammengebissen.
Das Getose legte sich gleich wieder, aber Walokas ganzer Korper war unter
einer bleiernen Last eingezwangt, so da? er sich nicht ruhren konnte,
nur in seinem Bewu?tsein blitzte kurz und freudig der Gedanke auf: Ich
lebe! Er bekam jedoch keine Luft und erstickte fast von dem schwefligen
Trotylgestank, dem Sand und dem Staub. Angesichts der Todesgefahr war
Waloka dem ihm zugedachten Grab im letzten Moment entflohen, hatte mit
ungeheurer Anstrengung etwas von sich gewalzt, rang nun nach Atem und
ri? die voll Sand gestreuten Augen auf.
2
Erstaunlich, da? er unversehrt geblieben war.
Ringsum war nichts mehr von der fruheren Dunkelheit, zugleich war auch
die Kuhle verschwunden, es war stickig, und uberall turmten sich Ziegel-
und Betonschutthaufen. Zuerst dunkte es Waloka, die Explosion habe ihn
fortgeschleudert von der Stelle, wo er mit dem Deutschen gekampft hatte;
nachdem er sich jedoch im Dammerlicht umgesehen hatte, erblickte er die
schuttbedeckte Treppe, die er vor einer Weile hinuntergesturzt war. Nur
noch die sechs unteren Stufen waren zu sehen, daruber lag eine von der
Decke niedergebrochene Betonplatte mit der Kante auf und versperrte den
Ausgang. Auf der anderen Seite hatte sich ein durch die Explosion bizarr
verbogener, rostiger Doppel-T-Trager mit dem einen Ende schrag in den
von Ziegeltrummern bedeckten Fu?boden gebohrt. Ware er nur einen halben
Meter naher heruntergesturzt, so hatte Waloka ihn jetzt kaum betrachten
konnen.
Waloka walzte sich herum, befreite die Arme und richtete sich hoch; auf
den Beinen lag jedoch noch eine gro?e Last. Er drehte sich auf die Seite
und versuchte sich zu erheben. Die Beine waren anscheinend heil, die Arme
ebenfalls, nur der eine schmerzte am Ellbogen. Waloka schuttelte Staub
und Schutt von sich ab, stutzte sich mit den Handen auf, zog erst das
eine, dann das andere Bein unter Schutt und Ziegelsteinen hervor und setzte
sich aufrecht. Und nun brach ein unbandiger, erstickender Husten aus seiner
Brust. Er bekam fast keine Luft mehr, die Brust drohte ihm zu zerspringen,
Staub und Sand hatten ihm die Lungen verstopft. So hustete und spuckte
er eine Weile, da? es seinen Korper heftig schuttelte, und erst als sich
der Anfall etwas gelegt hatte, sah er sich erneut um.
Ja, hier war allerhand heruntergekommen. Die Treppe und die eine Ecke
waren zugeschuttet, nur der Raum unter der Treppe und etwa zwei Meter
Mauer daneben waren unversehrt geblieben. Die andere Seite des Kellers,
gegenuber der Tur, war ganz unter Ziegelschutt und Betonbrokken begraben;
die Decke hatte sich geneigt und wies Risse auf; stellenweise guckte die
Armierung aus den schwarzen Spalten.
Durch eine dieser Spalten drang ein dunner Sonnenstrahl in das Halbdunkel
des Kellers. Darin schwirrte es von Staubteilchen, so da? der Strahl kaum
bis zum Fu?boden gelangte und auf dem Ziegelschutt nur einen schwachen
Lichtfleck zeichnete.
Waloka schuttelte den Kopf, um den Sand aus den Ohren zu bekommen; nun
horte er die Gerausche des Krieges wie dumpfe unterirdische Seufzer in
den Keller dringen: die Detonationen, das ferne Heulen der Stukas und
die gedampften Feuersto?e der Maschinengewehre. Waloka wurde aufmerksam
und dachte besorgt: Nur schleunigst raus hier, die Kompanie ist bestimmt
langst woanders. Er stand auf und stolperte uber die Trummer zur Treppe.
Als er sich dort naher umsah, entdeckte er unter dem Schutt seine Maschinenpistole,
zog sie heraus und sauberte sie mit dem Armel vom Staub. Da? er seine
Waffe wiedergefunden hatte, beruhigte ihn. Er verschnaufte ein wenig und
spurte erst jetzt, wie stark die Schulter schmerzte. Da fiel ihm auch
der Deutsche wieder ein. Den hat's naturlich erwischt, der ist irgendwo
in der Ecke verschuttet. Gott sei Dank brauchte ich den Kerl nicht zu
erwurgen, dachte Waloka. Dem Toten gegenuber empfand er keinen Zorn mehr.
Oben ratterten erneut gedampfte Feuersto?e - dort scho? eine sowjetische
MPi. Der Klang war unverkennbar. Das gab ihm neuen Mut. Er stieg hinauf,
beugte den Kopf vor, betastete die uber den Stufen hangende Betonplatte
und stemmte sich mit aller Kraft dagegen, doch sie ruhrte sich nicht einmal
- augenscheinlich lag etwas Schweres obenauf. Aber wie hier herauskommen?
Vor Schmerzen im Arm das Gesicht verziehend, stieg Waloka die Stufen wieder
hinunter und suchte im Dammerlicht die verschobene Decke ab. Nirgends
war eine Offnung, durch die er hatte hinausgelangen konnen. Auf dem Schutt
abrutschend, erkletterte er einen Trummerhaufen und tastete die schiefe
Decke ab. Ein Stuck Beton wackelte, doch die Armierung hielt es fest.
Waloka blickte durch den Spalt; au?er den hellbeleuchteten breiten Bruchrandern
war jedoch nichts zu sehen.
Allmahlich befiel ihn Unruhe: Wie komme ich hier raus? Ob ich schreie,
um Hilfe rufe? Aber womoglich sind die Deutschen hier. Wer wei?, ob die
Unsrigen die Grunanlage haben halten konnen. Der Bombenangriff hat den
Deutschen bestimmt ganz schon geholfen. Er kletterte wieder vom Haufen
herunter und blickte in die dunkle Ecke unter der Treppe. Uberall turmten
sich staubige Haufen zerschlagener Ziegelsteine. Wie lange wurde er darin
herumwuhlen mussen, bis er ein Loch im Mauerwerk fand?
Wahrend Waloka noch stand und sorgenvoll daruber nachdachte, ruhrte sich
plotzlich etwas in einem der Haufen, und ein Ziegelbrocken rollte herunter.
Gleich darauf folgten noch einige Brocken. Waloka wurde aufmerksam und
beugte sich spahend hervor. Das hat mir gerade noch gefehlt! sagte er,
nicht mehr angstlich, sondern nur noch verwundert, zu sich selbst. Am
Boden schimmerte eine mit Litze eingefa?te schwarze Schulterklappe, und
das sandbepuderte Gesicht des Deutschen, das er bisher im Halbdunkel nicht
wahrgenommen hatte, kam, grau von Schutt, zum Vorschein. Die feucht glanzenden
hellgrauen Augen starrten Waloka furchtsam an.
Waloka duckte sich innerlich ("Bist also doch heil geblieben, verdammter
Kerl!"), und seine Linke griff nach dem Lauf der MPi. Doch die vorherige
Angst war verschwunden, den angeschlagenen Feind furchtete Waloka nicht
mehr. Der Deutsche starrte ihn eine Zeitlang reglos an, dann walzte er
sich im Schutthaufen von einer Seite auf die andere. Dabei verzerrte sich
sein Gesicht vor Schmerz; er unterdruckte ein Stohnen und schlo? kraftlos
die Augen.
Toten! scho? es Waloka durch den Kopf, und er richtete gewohnheitsma?ig
seine Waffe auf den Feind. Das war jetzt so leicht und so einfach. Aber
wahrscheinlich deshalb zogerte er. Der Deutsche bewegte sich wieder und
versuchte, sich aus den Trummern herauszuarbeiten. Na, kriech nur raus!
Komm nur naher! ermunterte Waloka ihn in Gedanken und verfolgte wachsam
jede Bewegung des Feindes. Kommst du raus, geht's dir hier an den Kragen!
Dies war der vierte Feind, der ihm unter die Hande geriet. Den ersten
hatte er dreiundvierzig bei Prochorowka durch einen Schu? aus dem Graben
verwundet, als die Deutschen angriffen. Der war ins Gras gesturzt, hatte
sich umgedreht, Waloka erstaunt angesehen und sich nicht mehr geruhrt.
Der zweite hatte ihm ein wenig zu schaffen gemacht. Waloka hatte ihn im
Graben verfolgt, der Deutsche hatte mit einer Nullacht geschossen und
seinen Freund Makiytschu verwundet. Es war ein Offizier mit Schirmmutze
gewesen; Waloka hatte ihn in die Enge getrieben und ihn mit dem Bajonett
durchbohrt. Den dritten hatte er heute im Torweg erschossen. Und nun war
dieser an der Reihe.
Doch auf einen hilflos Daliegenden zu schie?en ging ihm gegen das Gewissen.
Er wartete ab, was weiter geschehen wurde.
Dem Deutschen bereitete es ziemliche Muhe, sich herauszuarbeiten. Als
er den einen Arm aus dem Schutt zog, verzerrte sich sein Gesicht wieder
vor Schmerz. Er stohnte auf, warf Waloka einen langen, flehenden Blick
zu und erstarrte abermals kraftlos.
"Aha, 's wird dir sauer, du Hund!" knurrte Waloka. Der Deutsche
bemuhte sich, die Beine freizubekommen, auf denen ein Betonbrocken lag,
und Waloka stand dabei und sah seinen vergeblichen Anstrengungen zu. Der
Deutsche stohnte, bi? sich auf die Lippen und lie? den Kopf sinken. Sein
so deutlich erkennbarer Schmerz teilte sich Waloka fast korperlich mit.
Wahrscheinlich sind die Beine gebrochen, dachte er. Als er sah, da? sich
der Deutsche nicht ohne fremde Hilfe befreien konnte, trat er gleichsam
instinktiv naher, stemmte den Absatz gegen den gro?en, flachen Mauerbrocken
und schob ihn beiseite.
Hinterher wunderte er sich uber sein Verhalten. Der Deutsche bewegte sich
nun freier, er stutzte sich mit den Armen auf und zog die Beine allmahlich
aus dem Schutthaufen. Aha! Doch heil. Er war jetzt frei, hatte jedoch
keine Eile, seine Freiheit zu nutzen (anscheinend ist er bei dem Einsturz
tuchtig gequetscht worden). Waloka verbarg seine widerspruchliche, mit
Mitleid gemischte Schadenfreude und beobachtete den Feind zuruckhaltend.
Mit den Handen auf den schuttbedeckten Boden gestutzt, sa? der Deutsche
eine ganze Weile da, offensichtlich au?erstande, seine Schwache und die
Schmerzen zu uberwinden. Die staubbepuderten Augenbrauen uber der Nasenwurzel
zusammengezogen, wartete Waloka mit der Maschinenpistole im Anschlag.
Der Deutsche betastete immer wieder sein Knie und bewegte den Stiefel
hin und her. Dann sah er erstaunt hoch, warf einen Blick auf Waloka und
horchte. Von drau?en drangen dumpf fernes Schie?en und mehrere Detonationen
herein; durch einen Spalt in der Decke rieselte Sand. Der Deutsche blickte
nach oben, stand, als sei ihm plotzlich etwas eingefallen, hastig auf
und humpelte zur Treppe.
Waloka, der keine Waffe bei dem andern sah und wu?te, da? jener ihm nicht
entfliehen konnte, setzte sich seelenruhig auf einen Mauerbrocken und
schaute dem Gegner uberlegen zu. Die Maschinenpistole hatte er zwischen
den Knien. Probier's nur! dachte er hohnisch, als er beobachtete, wie
der Deutsche die Betonplatte uber den Stufen anzuheben versuchte. Sosehr
er sich auch anstrengte, die Platte ruckte und ruhrte sich nicht. Da wandte
er sich um und blickte erstaunt, fragend, doch aus Walokas teilnahmslos-ruhiger
Miene mochte er ersehen, da? es keinen Ausgang gab.
Schleppend kam er die Stufen wieder herunter und setzte sich, das eine
Bein mit den Handen umfassend. Voll heimlicher Neugier musterte Waloka
die staubbedeckte, mude Gestalt mit dem Gefreitenwinkel auf dem bis zum
Ellbogen aufgerissenen Armel. Da erblickte er plotzlich die Pistolentasche
an der Hufte des Deutschen. Eine neue Sorge: Was sollte er tun, wenn der
andere wieder zu Kraften kam, noch dazu, da er eine Waffe besa??
Unterdessen zog sich der Deutsche mit dem rechten Fu? den linken Stiefel
aus, krempelte das Hosenbein hoch und verband das Knie mit dem Taschentuch.
Das Knie war aufgeschlagen, und von der kleinen, aber stark blutenden
Wunde war das Taschentuch bald durchna?t. Bei diesem Anblick fiel Waloka
das alte Verbandspackchen ein, das er bereits seit einem Monat fur alle
Falle bei sich trug. Er brauchte es jenem nicht zu geben, so leid tat
ihm der angeschlagene Hitlersoldat gar nicht, doch eine gewisse menschliche
Gro?mut trieb ihn, ihm zu helfen.
Der Deutsche, auf keine Hilfe gefa?t, zuckte zusammen, als das kleine
Packchen neben seinen Stiefeln in den Schutt klatschte. Zuerst war er
verwirrt, doch dann begriff er, und seine Augen leuchteten auf. Er murmelte
"danke" und hob das Packchen lachelnd auf.
Sein Gesicht war nicht mehr jung, die sonnengebraunte Stirn war dicht
von Falten durchzogen, und oberhalb der Schlafen glanzten kahle Stellen.
Die wettergegerbten, unrasierten Wangen waren voller hellblonder Bartstoppeln.
Waloka beobachtete den Feind aufmerksam, unschlussig, wie er sich weiter
verhalten sollte, und fuhlte nur instinktiv, da? er auf der Hut sein mu?te.
Der Deutsche krempelte die Hosen noch etwas hoher und wickelte sich behutsam
die Binde ums Knie. Dabei wiegte er sich hin und her, so da? die Wange
mit der breiten, schragen Narbe neben dem Ohr - der unausloschlichen Spur
eines Splitters - immer wieder in das Lichtbundel geriet. Beim Anblick
dieser Narbe lachelte Waloka innerlich: Genau so eine Narbe hatte auch
er auf der linken Seite - ein Andenken an die Kampfe bei Kursk. Der Deutsche
seinerseits sah Waloka leicht verlegen an.
Doch das gegenseitige Betrachten wahrte nicht lange. Wieder erbebte die
Erde von Detonationen. Allem Anschein nach feuerte eine "Katjuscha",
ein sowjetisches Salvengeschutz, oder ein deutscher Nebelwerfer. Waloka
hob den Kopf und lauschte angespannt. Der Deutsche erstarrte, das lose
Verbandende straff angezogen, und wartete ebenfalls, den Blick unverwandt
zur Decke gerichtet. Aber die Detonationen verstummten allmahlich, der
letzte Sand rieselte durch die Spalten, und wieder war es ruhig. Nur der
sparliche Sonnenstrahl drang als schrages, rauchgraues Band in den Keller.
Waloka war beunruhigt. Es galt, etwas zu unternehmen, irgendwie herauszukommen.
Da? dieser Deutsche aber auch gerade hierhergeraten mu?te! Aber der war
verletzt und schien nur mit seinem Schmerz beschaftigt. Walokas vordringliche
Sorge, hier wieder hinauszukommen, verdrangte fur eine Weile seine Angst
vor dem Deutschen. Ich riskier's, dachte er im Hinblick auf einen etwaigen
uberraschenden Angriff. Er besa? schlie?lich eine Maschinenpistole und
fuhlte genugend Kraft in sich. Au?erdem sah Waloka hier kein sagenhaftes
faschistisches Ungeheuer vor sich, sondern einen bereits gealterten, verwundeten
und vom Krieg gezeichneten Menschen. Der Deutsche schwieg, es war jedoch
nicht schwer zu erraten, was er jetzt fuhlte, und nur seine Uniform lie?
Waloka nicht vergessen, da? er einen Feind vor sich hatte. Mit mi?trauischem
Blick warf Waloka die Maschinenpistole uber die Schulter und kletterte
auf einen der Haufen, zur halbzerstorten, geborstenen Decke empor.
Er mu?te eine Offnung zum Hinausgelangen finden.
3
An manchen Stellen waren die Spalten ziemlich
breit, so da? man die Finger hineinzwangen konnte, aber fest zuzupacken,
daran war nicht zu denken. Den Kopf im Nacken, betrachtete Waloka lange
die Decke, dann druckte er von unten her kraftig gegen das Bruchstuck,
neben dem der Lichtstrahl hineindrang. Sofort rieselte durch die Spalte
Sand und Schutt. Waloka verzog das Gesicht, drehte den Kopf zur Seite
und strengte sich noch mehr an, um die Platte zu lockern.
Dabei lie? er den Deutschen keinen Moment aus den Augen, verfolgte jede
seiner Bewegungen. Zuerst sah der Deutsche Waloka neugierig zu, dann stand
er etwas unsicher auf. Sofort lie? Waloka die Platte los und griff nach
der MPi. Doch der andere lachelte gutmutig, klopfte auf die Pistolentasche
und sagte beruhigend: "Nein, nein." Dabei winkte er ab. Die
Pistolentasche war anscheinend wirklich leer. Waloka lie? die MPi jedoch
nur langsam und voller Mi?trauen sinken und fluchte innerlich - er ubte
unwillkurlich erneut angespannte Wachsamkeit gegenuber diesem Feind.
Unterdessen arbeitete sich der Deutsche humpelnd und mit den Armen schlenkernd
auf den Schuttberg hinauf, betrachtete die Spalten und schob an einer
Stelle die Finger in die Ritze.
Zwei Paar Hande stemmten sich gegen den Betonbrokken.
Sehr merkwurdig war das alles.
Hatte jemand Waloka vorher so etwas erzahlt, er hatte es nicht fur moglich
gehalten. Nun hatte sich alles wie von selbst so ergeben, und er vermochte
sich nicht einmal Vorwurfe deswegen zu machen. Noch kurz zuvor hatten
sie, ohne sich zu sehen und ohne sich zu kennen, in dem Keller auf Tod
und Leben miteinander gerungen, voll Wut und grimmigem Ha?. Jetzt aber
versuchten sie eintrachtig, als sei nichts zwischen ihnen vorgefallen,
den Betonbrocken hochzustemmen, um aus der gemeinsamen Notlage herauszukommen.
Die Platte bewegte sich etwas - ein wenig nach oben, ein wenig nach unten
-, nach wie vor rieselte Dreck aus den Spalten, und Waloka glaubte, es
werde ihnen gelingen, sie durch langeres Rutteln zu lockern und herauszurei?en.
Von Zeit zu Zeit warf er einen verstohlenen Blick auf den Deutschen, der
sich mit hochgereckten Armen bemuhte, seine Bewegungen denen Walokas anzupassen.
Das stoppelige, sonnengebraunte Gesicht des Deutschen mit dem stark ausgepragten
Unterkiefer war vor Anstrengung und Schwache verzerrt, und auf der Nasenwurzel
perlten unausgesetzt Schwei?tropfen. Von Zeit zu Zeit fuhr er sich mit
dem Armel ubers Gesicht. Sein Haar, der durchgeschwitzte Kragen und die
Schulter mit der losgerissenen Achselklappe waren von einer dicken Staubschicht
bedeckt. Waloka horte das Keuchen des Deutschen und das Trampeln seiner
Stiefel, und infolge ihrer Nahe oder ihrer gut aufeinander abgestimmten
gemeinsamen Anstrengungen nahm die Feindseligkeit, die er wahrend der
ganzen Zeit empfunden hatte, allmahlich ab.
Waloka, der diese Veranderung in seinem Innern unklar fuhlte, geriet in
Verwirrung und konnte sich selbst nicht mehr begreifen.
So ruckten sie etwa zehn Minuten an der Platte, doch sie gab nicht nach.
Der Atem des Deutschen ging keuchend, und auch Waloka war erschopft; so
lie? er schlie?lich die Arme sinken.
Der feine Lichtstrahl mit den tanzenden Staubchen stemmte sich biegsam
gegen den kalkbeschmutzten Stiefel des Deutschen.
"So ein Mist!" sagte Waloka und betrachtete sorgenvoll die Decke.
"Es langt nicht."
"Ja, ja", sagte der Deutsche leise. Auch er sah bedauernd zur
Decke und fuhr dann zu Walokas Uberraschung fort: "Zuwenig Kraft,
malo sily."
Waloka hob die sandigen Augenbrauen und sah den Deutschen erstaunt an.
Er versteht Russisch, der Teufelskerl!
"Du versteh po-russki?"
"Malo, malo", antwortete der Deutsche schmunzelnd. "Witebsk
bei russka Frau, bei grashdanka, malo hab gelernt, utschil."
"Sieh einer an! Ist das ein Fokus!"
Waloka stieg vom Ziegelhaufen herunter, setzte sich auf das Ende des verbogenen
Tragers und langte in die Tasche - wie immer in schwierigen Situationen,
hatte er das Bedurfnis zu rauchen, "sich den Kopf klarzumachen".
Die Maschinenpistole hielt er trotzdem zwischen den Knien. Der Deutsche,
der auf diese Pause gewartet zu haben schien, lie? sich gleichfalls nieder,
wo er stand, unmittelbar unter dem Lichtstrahl, auf einen Ziegelstein.
Das verletzte Bein streckte er vorsichtig aus.
"Fokus, Fokus. Kenn ich nicht, ne snai, schto jest takoi", sagte
er, vor Schmerzen das Gesicht verziehend.
"Tja, mein Lieber!" Waloka lachelte zum erstenmal. "So
auf Anhieb verstehst du es doch nicht. "
Mit seinen schwieligen Fingern knupfte er den mit Hahnchen bestickten
Tabaksbeutel auf, holte ziehharmonikaartig gefaltetes Papier hervor, ri?
ein Stuck fur eine Zigarette ab, schuttete Machorka darauf und verteilte
ihn gleichma?ig. Dann drehte er das Ganze ein paarmal, hielt jedoch inne,
warf einen Blick auf den Deutschen, uberlegte und warf ihm den Tabaksbeutel
zu.
"Da fang!"
Der Deutsche, der die russischen Worte wohl nicht verstanden hatte, schlug
die Hande ein wenig zu spat zusammen, trotzdem erwischte er den Tabaksbeutel
noch dicht uber den Stiefeln.
"Oh, russki machorka!" sagte er und schnupperte erst mit dem
einen, dann mit dem anderen Nasenloch an dem einfachen Soldatenknaster.
Dann zog er ungeschickt die Schnure auseinander und drehte sich eine unformige
Zigarette.
Jeder zundete sich seine Zigarette selber an: Waloka mit einem Streichholz,
das sich in seiner breitgequetschten Schachtel fand, der Deutsche mit
einem Feuerzeug, das kunstvoll in Form einer blanken kleinen Pistole gefertigt
war.
Nachdem Waloka den ersten Zug genossen hatte, sah er den Deutschen aufmerksam
an. "Was machen wir nun? Wie kommen wir hier raus?"
"Ja, ja." Der Deutsche nickte. "Weg hier. Idi, nado idi.
Tuda, nawerch." Er zeigte mit dem Finger zur geborstenen, aber noch
festen Decke.
"Nawerch", affte Waloka ihn nach. "Naturlich nach oben.
Nicht nach unten. Aber wie?"
Es bleibt offen, wieviel der Deutsche von diesen Worten verstanden hatte,
jedenfalls lie? er seinen Blick sorgenvoll uber die Wande und den dunklen
Winkel unter der Treppe gleiten und musterte die Decke.
"Arbeit nado." Er wies mit dem Kopf auf die dunkelste Ecke,
die voller Ziegelschutt lag. "Arbeit. Mnoga Arbeit."
"Naturlich Arbeit. Was du sein? Arbeiter oder... Bauer?" fragte
Waloka.
Der Deutsche sah ihn mit gekrauster Stirn an.
"Ja, ja", antwortete er freudig, nachdem er die Frage verstanden
hatte. "Arbeiter! Tischler. Kak po-russki?"
Da ihm das russische Wort nicht einfiel, machte er mit beiden Handen die
Bewegung des Hobeins, und Waloka fragte verwundert:
"Stoljar?"
"Ja, ja", bestatigte der Deutsche.
"Ist das ein Fokus! Ich bin auch Tischler. Ich bin Tischler!"
schrie Waloka, sich mit dem Finger an die Brust tippend, auf russisch,
als konnte der Deutsche laute Worte besser verstehen.
Er schien sie tatsachlich verstanden zu haben, lachelte kurz durch den
Rauch hindurch und sog am Rest der Machorkazigarette.
"Ich Haus - dom - arbeiten. Mnoga, mnoga Haus", sagte er und
deutete mit den Handen ein Dach an.
"Ich auch chaus gebaut", sagte Waloka und legte zum besseren
Verstandnis die Hande zusammen. "Balkenbinder hab ich gemacht. Russischer
Winkel. Ich versteh was vom Handwerk."
"Gut, gut." Der Deutsche nickte befriedigt.
"Ich kenn mich aus. Da gibt's noch ,rigel? und ,rejsmas? - das sind
Bezeichnungen von euch."
"Ja, ja. Riegel! Rei?ma?!" wiederholte der Deutsche wie ein
Echo die auch ihm vertrauten Worte. Dann wurde er ernst und stand auf,
nachdem Waloka seine Zigarette zu Ende geraucht hatte. "Nado idi!"
sagte er und wies nach oben.
Waloka erhob sich ebenfalls, nahm die Maschinenpistole und betrachtete
sie unschlussig; er wu?te nicht wohin damit. Nach kurzem Uberlegen streifte
er den Traggurt uber den Kopf, so da? sie ihm auf dem Rucken hing.
Der Deutsche kletterte ganz nach oben, buckte sich dort im Dunkeln und
begann die Ziegeltrummer hinunterzuwerfen. In seiner Haltung fand Waloka
nichts Feindseliges, keine Hinterhaltigkeit mehr, der Deutsche war schlicht,
aufgeweckt, und aus kaum merklichen Anzeichen war zu erkennen, da? er
ein feinfuhliger und offener Charakter war. Waloka kletterte zu ihm hinauf
und fragte ihn, sein restliches Mi?trauen unterdruckend, auf russisch:
"Wie hei?t du?"
Der Deutsche unterbrach seine Arbeit und wandte ihm das Gesicht zu - er
hatte die Frage nicht verstanden.
"Wie du hei?en!" sagte Waloka lauter, als sei der andere schwerhorig.
"Ich hei? Iwan Waloka, und du? Hans? Fritz?"
"Fritz! Ja, ja! Fritz Hagemann", gab der Deutsche, froh, da?
er verstand, bereitwillig Auskunft und lachte. "Ich Fritz und du
Iwan Waloka. Gut!" Er lachte erneut, wobei sich sein nicht mehr junges
Gesicht in lauter Faltchen legte.
"Gut schon", sagte Waloka, ohne sich von der Heiterkeit des
anderen anstecken zu lassen. "Aber nicht sehr. Wenn wir rausgekrochen
sind, was ist dann?"
Auf den Deutschen machten seine Worte jedoch keinen Eindruck. Er zerrte
wieder eifrig Mauerbrocken aus dem Haufen und warf sie nach unten.
Waloka stellte sich neben ihn, buckte sich unbeholfen und tat es ihm nach.
4
Nach geraumer Zeit - sie hatten eine gro?e
Menge Ziegelschutt hinuntergeworfen und konnten bereits aufrecht unter
der Decke stehen - stie?eh sie auf ein Loch, das schrag nach oben fuhrte,
nur da? es von einer Unmasse Ziegelbrocken zugeschuttet war. Der helle
Sonnenstrahl war verschwunden, nur noch ein winziges Stuck Tageslicht
drang schuchtern durch den Spalt herein, und im Keller herrschte schwarze
Finsternis. Nachdem sich ihre Augen allmahlich an die Dunkelheit gewohnt
hatten, konnten sie die Dinge in nachster Nahe erkennen, und so arbeiteten
sie weiter. Der Deutsche mu?te fortwahrend niesen, und Waloka wurde von
einem heftigen Husten gequalt. Da? sie doch noch ein Loch gefunden hatten,
erfullte ihn mit neuer Zuversieht; der Gedanke, auf so dumme Weise sein
Leben zu verlieren, kam ihm nicht mehr. Doch dieses Gefuhl wurde von einer
neuen Sorge verdrangt, die ihn immer starker bedruckte.
Welcher bose Geist hat mich mit diesem blodsinnigen Deutschen zusammengesperrt?
dachte Waloka. Gewi?, solange sie noch hier unten waren und sich gemeinsam
hinausarbeiteten, war gegen eine gewisse Kameradschaft nichts einzuwenden,
aber wie sollte er sich verhalten, wenn sie endlich drau?en waren? Und
wer war jetzt oben: die eigenen Leute oder der Feind? Waren es die eigenen,
dann ging es noch an - dann konnte er den Deutschen als Gefangenen abliefern.
Aber wenn da nun die Feinde waren? Wieder mit ihm kampfen? War es da nicht
besser, ihn noch hier zu erschie?en?
Doch dabei fuhlte er undeutlich, da? er diesen Menschen jetzt nicht mehr
erschie?en konnte. Wie sollte er ihn auch toten konnen, wenn die wichtigste
Voraussetzung dafur, der gegenseitige Ha?, zwischen ihnen erloschen war,
wenn sich der in der feindlichen Uniform plotzlich als einfacher, flei?iger,
ganz gewohnlicher Mensch entpuppt hatte, der sich auch Waloka gegenuber
nicht mehr als Feind und Faschist, sondern als Helfer und Freund zeigte?
Anscheinend war dieser Deutsche ganz und gar nicht schlecht, und Waloka
empfand innerlich sogar ein gewisses Unbehagen, weil er ihn noch vor kurzem
beinahe erwurgt hatte. Andererseits hatte sonst der andere ihn umgebracht.
Das alles war seltsam und ungewohnlich. Zeitweilig verga? Waloka sogar,
da? sie Feinde waren, er hatte Fritz gern naher uber die Tischlerei befragt,
hatte Lust, mit ihm zu rauchen und sich friedlich und im guten mit ihm
zu unterhalten.
Doch da befielen ihn erneut Zweifel. Au?erlich machte der Deutsche ja
einen ganz guten Eindruck und war flei?ig, aber wer wu?te, was in seinem
Kopf vorging? In Gefangenschaft oder als Leidtragende schienen sie alle
gut zu sein, aber wer hatte dann soviel Unheil uber die Menschheit gebracht,
wer hatte soviel getotet, verbrannt, geplundert, gehenkt, wer hatte die
ganze Welt in Blut ertrankt? Und was wurden die Kameraden und die Vorgesetzten
sagen, wenn sie erfuhren, da? er hier mit diesem Fritz zusammen Machorka
rauchte? Und wenn nun Hauptmann Woranau, der Abwehrbeauftragte des Regiments,
ein schweigsamer, undurchsichtiger Mann mit unter den Brauen verborgenen
bosen Augen, davon horte? Wie er eine solche Verbruderung auffassen wurde,
konnte sich Waloka an funf Fingern abzahlen, hatte er doch in dem halben
Jahr, das er beim Regiment war, einiges uber den Hauptmann gehort.
Die Entscheidung, wie er sich in dieser ungewohnlichen und verworrenen
Situation verhalten sollte, fiel Waloka schwer.
Nachdem sie sich wieder gehorig mude gearbeitet hatten, setzten sie sich
auf die Trummer in der Ecke und spien aus. Waloka holte den Tabaksbeutel
hervor, schuttete Machorka auf ein Blatt Papier, legte den Finger darauf
und reichte dem Deutschen den Beutel. Der nahm ihn gern. Nachdem Waloka
seine Zigarette zugeleckt hatte, lie? der Deutsche diensteifrig sein Feuerzeug
schnappen und gab erst ihm, dann sich Feuer. Die zitternde Flamme, klein
wie ein Funke, vertrieb allmahlich die Dunkelheit und beleuchtete die
schiefe Decke, die Risse in der Ziegelmauer und die beiden staubigen,
muden Gesichter. Bei Licht fuhlt man sich wohler; so lie? Fritz das Feuerzeug
brennen und versuchte, es in einem Mauerri? zu befestigen. Das Feuerzeug
blieb jedoch nicht stecken, und Waloka hob einen Ziegelbrocken auf.
"Hier klemm fest."
Der Deutsche nahm den Brocken, doch plotzlich zuckten seine hellen Augenbrauen,
und er horchte mit schreckgeweiteten Augen. Iwan hob den Kopf - uber ihnen
waren Schritte zu horen: tap, tap, tap. Durch den Beton drang eine nahe,
aber dumpfe, ausdruckslose Stimme, oberhalb der Stufen stampfte etwas
auf, dann war es wieder still: Anscheinend war dort jemand stehengeblieben
oder auch weitergegangen. Waloka sprang auf - seine erste Regung war,
zu schreien, sich bemerkbar zu machen, doch da sah er den beschworenden
Blick des Deutschen auf sich gerichtet und bezwang sich.
Was fur einer ist das? Diese Frage scho? beiden durch den Kopf, und selbstverstandlich
wunschte sich jetzt jeder von ihnen, da? es einer seiner Kameraden ware.
Das momentane Auseinandergehen der Wunsche lie? in Waloka wieder die fruhere
Feindseligkeit aufsteigen. Er unterdruckte sie jedoch gewaltsam. Sobald
die Schritte verstummt waren, schwand auch der unwiderstehliche Drang
zu rufen - die Vernunft sagte Waloka, da? es besser sei, zu schweigen
und sich mit eigener Kraft aus dem Keller zu befreien.
Reglos vor gespannter Aufmerksamkeit lauschten sie in die Stille hinein,
dann verlor der Deutsche die Geduld, seufzte auf und befestigte das Feuerzeug
bedachtig in der Mauer. Waloka bekam einen heftigen Hustenanfall und hielt
sich die Hande vor den Mund - es waren jedoch keine Schritte mehr zu horen.
"Wir mussen die Suppe schon selbst ausloffeln", sagte er weniger
zu dem Deutschen als zu sich und blies dabei den Rauch durch die Dunkelheit.
Der Deutsche sa? da und lie? die verarbeiteten Hande von den Knien herabhangen.
Seine Lebhaftigkeit war verschwunden - entweder von der Arbeit oder von
der Aufregung.
"Krieg, woina nix gut!" sagte er plotzlich dumpf, aber mit schmerzlicher
Festigkeit, und Waloka wunderte sich uber diesen Stimmungswandel des Feindes.
"Woina Schei?e!"
Der Deutsche sagte das mit grimmiger Verzweiflung in den Augen, Waloka
offnete verwundert den Mund und sah seinen Nachbarn mit heimlicher Ironie
an.
"Sieh mal an: ,Nix gutt?! Warum habt ihr das nicht eurem Fjurer gesagt?"
"Fuhrer Schei?e!" erklarte energisch der Deutsche, der wohl
nur das eine Wort von Walokas langem Satz verstanden hatte. "Fuhrer
Schweinehund, swolotsch! Einfacher Mann Fuhrer nix nado", sagte er
und schlug sich dabei mit der Faust gegen die Brust. "Fritz Hagemann
woina nix nado. Hagemann nado Frieden, nado Kinder gro?ziehn, Arbeit nado,
Haus nado! Woina Schei?e."
Waloka hatte nicht alles verstanden, doch er erriet, was den Deutschen
so aufbrachte, nur - Mitgefuhl hatte er nicht mit ihm.
Nachdem der Deutsche seinem Herzen Luft gemacht hatte, schwieg er. Waloka
hatte unterdessen seine Zigarette aufgeraucht, den Stummel in die Ecke
geworfen und entschlo? sich nun endlich, das zu sagen, was ihm die ganze
Zeit auf der Seele gelegen hatte.
"Hor mal, Fritz. Wenn wir da raus sind" - er zeigte mit dem
Finger nach oben -, "gib dich gefangen. Russki plen. Dann Krieg kaputt.
Ja?"
Der Deutsche hatte aufmerksam zugehurt, auch einiges verstanden, schuttelte
jedoch entschieden den Kopf.
"Nix plen. Plen schlecht, plocho. russ - enkawede, deutsch nach Sibir.
Puff-puff deutsch."
"Keiner wird dich puff-puff. Wovor hast du Angst?" ereiferte
sich Waloka. "Was meinst du, wie viele von deinen Kameraden schon
bei uns sind! Mnogo-mnogo kameradow plen."
Fritz seufzte wieder und starrte bedruckt auf das Flammchen des Feuerzeugs.
Aus seinen Augen sprach der Gram eines Menschen, der - soviel er auch
hofft und sich vormacht - eine gro?e, so wie der Tod unausweichliche Sorge
nicht loswerden kann. Nachdenklich schwieg er eine Weile, dann knopfte
er eine Tasche seiner Uniform auf und holte einen Packen Papiere hervor.
Nach kurzem Suchen fand er einen eingerissenen Briefumschlag mit abgescheuerten
Randern und entnahm ihm eine Fotografie.
"Meine Frau und Kinder. Dresden", sagte er und reichte Waloka
das Bild. Der nahm es behutsam und hielt es unter das schwache Licht des
Feuerzeugs.
Von dem Bild schauten ihn eine Frau und drei Kinder an. Das alteste, ein
barfu?iger Junge in kurzen Hosen, stand neben dem Stuhl, ein kleines Madchen
sa? auf dem Scho? der Mutter, und das mittlere, ein etwa zehnjahriger
Junge mit hinten kurzgeschnittenem Haar, stand mit einem gestreiften Ball
unter dem Arm neben dem altesten. Im Hintergrund war ein kleines, aber
mit solider Sorgfalt gebautes Haus mit hohem Ziegeldach und Veranda zu
sehen, uppig von Wein umrankt. Waloka versenkte sich in das Bild. Mit
solch einem Haus konnte sich seine Bauernkate freilich nicht messen, die
mit Brettern verkleidet war, nicht so sehr der Schonheit und Ordnung halber
wie vielmehr, um die morsch gewordenen Wande mit dem grunbemoosten Dach
vor Wind und Wetter zu schutzen. Sie war jedoch keineswegs die schlechteste
im Dorf. Waloka hatte sie ausbessern und winterfest machen konnen, er
war nur wegen des Kriegsausbruchs nicht mehr dazu gekommen.
"Ein schones Haus, alles, was recht ist", sagte Waloka seufzend
und fuhlte Verdru? in sich aufsteigen - sei es wegen der plotzlich erwachten
Sehnsucht nach einem friedlichen Arbeitsleben, sei es wegen der Erinnerung
an seine Familie, hatte er doch in der Heimat vier Tochter zuruckgelassen,
die jetzt mit der Mutter zu Hause und im Kolchos allein zurechtkommen
mu?ten.
Mit Bitterkeit im Herzen gab er dem Deutschen das Foto zuruck.
"Drei Kinder!" sagte Fritz und schob die Papiere wieder in die
Tasche. "Plocho plen. Hauptmann an Gestapo schreiben - Frau und Kinder
komm, dann in Konzentrationslager. Plocho."
Waloka hatte alles verstanden. Die Faschisten gingen auch mit den eigenen
Leuten nicht gerade sehr liebevoll um - er hatte gehort, da? die Familien
solcher Soldaten nicht mit Samthandschuhen angefa?t wurden. Aber was sollte
er mit ihm machen?
Unterdessen hatte sich Fritz auf dem Ziegelbrocken bequemer zurechtgesetzt
und erklarte etwas, wobei er die Hande zu Hilfe nahm.
"Fritz nix burshui, Fritz Arbeiter!" Wie zum Beweis dessen streckte
er seine verarbeiteten breiten Hande vor. "Fritz malo-malo Geld.
Fritz nur ein Haus. Hagemann armer Mensch, bedny tschelowek. Russki Iwan
- bedny tschelowek. Zwei bedny tschelowek." Fritz zeigte zwei Finger.
"Mi ponimai..."
"Na, da bist du aber auf dem Holzweg. Wieso bin ich arm?" ereiferte
sich Waloka. "Warum arm? Bin ich vielleicht ein Arbeitsscheuer? Kolchosbauer
bin ich."
"Ja, ja." Der Deutsche nickte. "Plocho russki kolchosnik.
Kolchos bedny."
Wie kommt er dazu, mich zu agitieren? Waloka wurde argerlich. Was hat
er vor, der Kerl? Waloka wollte auf keinen Fall schlechter dastehen als
dieser Deutsche. Hatte er ihm etwa im Kampf nachgestanden, oder war er
in der Arbeit schlechter? Als arm und bedauernswert bezeichnet zu werden
widerstrebte ihm machtig. Alles in ihm straubte sich gegen das herablassende
Mitgefuhl des Gegners.
Er wollte auch jetzt nicht vor dem Deutschen kapitulieren, ebenso wie
er unlangst im Kampf nicht kapituliert hatte. Von einem Feind arm genannt
zu werden ging ihm gegen die Ehre, und obwohl er noch keine Argumente
fand, war er dennoch entschlossen, eine derartige Einschatzung seiner
Lebensweise zu widerlegen.
"Unser Kolchos ist reich. Jawohl! Wir haben nicht nur solche, wir
haben auch viel schonere Hauser. Unsere Hauser sind mit Schiefer gedeckt.
Und Korn haben wir soviel!" Er zeigte mit der Handkante zum Hals.
Der Deutsche hatte jedoch nicht verstanden und wiederholte: "Plocho
russki kolchos. Bedno."
Waloka merkte, da? es nicht so einfach war, diesen Deutschen, der durch
halb Ru?land gekommen war und viel gesehen hatte, zu uberzeugen. Aber
er wollte nicht nachgeben.
"Naturlich gibt es auch schlechte Kolchose. Aber unserer ist reich.
Jawohl. Vor dem Krieg haben wir jeder hundert Pud Getreide gekriegt. Und
Kartoffeln. Und Erbsen. Und ein Pud Butter. Und tausend Rubel. Tausend,
verstehst du?"
Er nannte diese Summe, die fur landliche Begriffe betrachtlich war, mit
besonderem Nachdruck. Jedenfalls konnte man fur dieses Geld eine gute
Kuh kaufen, und das war schon viel. Der Deutsche krauste die Stirn, bemuht,
etwas von Walokas erregter Rede zu verstehen, und dieser malte mit dem
Finger einen Strich und drei Nullen an die staubige Wand.
"Tausend! Jawohl!"
"Tausend? Kilogramm Maslo?" fragte verwundert der Deutsche und
starrte unglaubig bald die Zahl, bald Waloka an.
Als dieser das Staunen des Deutschen gewahrte, verzichtete er darauf,
das Mi?verstandnis aufzuklaren, und bestatigte dreist:
"Klar! Was hast du denn gedacht?"
Die Zweifelsfunkchen in den Augen des Deutschen erloschen, und er kratzte
sich den Nacken.
"Wir hatten alles. Vor dem Krieg", versicherte Waloka mit einem
Gefuhl, als habe er sich zu einem verbotenen, verzweifelten Schritt entschlossen,
der sich nicht ruckgangig machen lie?. Und einen Finger der Linken nach
dem anderen umbiegend, zahlte er auf: "Ein Radio hatten wir - Nummer
eins. Ein Fahrrad" - der Anschaulichkeit halber hob er die Beine
und strampelte damit in der Luft, als trete er die Pedale.
"Ein Fahrrad", erriet der Deutsche.
"Ja, ja, Rrad - Nummer zwei."
"Ich gehabt Motorrad, motozikl", erklarte der Deutsche.
"Motorrad? Was ist das schon! Motorrad ist gar nichts. Ich hatte...
Wei?t du, was ich hatte? So was, was schwimmt und tuk, tuk, tuk macht.
Motorboot nannte sich das. Jawohl!" log Waloka, um den Deutschen
in diesem Streit zu ubertrumpfen.
"Lodka?"
"Jawohl, ein Boot. So haben wir gelebt. Wart ihr Faschisten nicht
gekommen..."
Fritz uberlegte, sah Waloka noch eine Weile mi?trauisch an, dann runzelte
er die Stirn und seufzte. Er glaubt's anscheinend, dachte Waloka hoffnungsvoll.
"Faschismus nix gut. Plocho faschism", bekraftigte der Deutsche,
und Waloka erhob sich schwerfallig. Der Deutsche stand ebenfalls auf und
horchte, doch alles blieb still.
Wieder raumten sie Schutt und Bruchstucke aus dem Mauerloch, es war jedoch
kein Ende abzusehen. Uber dem Loch stie?en sie auf eine zertrummerte durchgehende
Wand, aus der sie bald nichts mehr herausrei?en konnten, so stark war
sie zusammengepre?t. Beide waren sehr erschopft und eingestaubt. Waloka
hustete unaufhorlich. Schlie?lich kroch er fluchend aus dem Durchbruch
wieder heraus. Es hatte offensichtlich keinen Zweck, dort weiterzuwuhlen.
Sie schwiegen. Dann ging Waloka die entfernteren Winkel des Kellers untersuchen.
Das Feuerzeug leuchtete nur schwach. Als er die Decke abtastete, stie?
er auf eine herausragende Platte. Es war abseits von der Stelle, wo am
Tage der Sonnenstrahl eingefallen war. Waloka rief den Deutschen, und
dieser kam mit seiner winzigen Leuchte. Das zitternde Flammchen schwebte
durch die Dunkelheit, und erst als es der Deutsche dicht unter die Decke
hielt, beleuchtete es schwach ein dunkelgraues Stuck Beton.
Schwachlich wanderte das blasse Licht uber die Bruchstelle, zwei Gesichter
starrten angestrengt. Dann spannte Waloka alle Krafte an - und die Platte
bewegte sich. Der Deutsche hielt mit einer Hand das Feuerzeug, mit der
anderen stemmte er sich gegen den Rand des Bruchstucks.
"Achtung! Nicht so doll! Malo nado, Waloka", warnte er, und
Waloka spurte seinen warmen Atem am Ohr. Jetzt konnte der Deutsche ihm
die MPi vom Rucken rei?en; Walokas Mi?trauen war jedoch schon vollig geschwunden,
und er war ruhig.
"Was hei?t hier ,Achtung?! Noch mal, starker. Hau ruck!"
Die Beine weit gespreizt, standen sie da und stemmten sich gegen den Brocken.
Waloka stie? ihn hin und her, so da? er merklich tiefer sackte. Er strengte
sich noch mehr an und wuchtete den Brocken hin und zuruck. Diesmal schienen
sie einen Ausweg gefunden zu haben. Waloka raffte alle Krafte zusammen
und druckte erneut gegen den Brocken. Da schrie der Deutsche erschrocken
auf, das Feuerzeug erlosch, und der graue Brocken sturzte auf Waloka herab.
Er merkte nicht einmal mehr, was geschah, vor seinen Augen zuckten orangefarbene
Blitze auf, und ein schrecklicher Schmerz im Kopf raubte ihm die Besinnung.
5
Nein, er war nicht tot, er lebte. Aber die
Umwelt drang nur durch ein Tohuwabohu peinigender Visionen in sein Bewu?tsein.
Zuerst hatte er die Vorstellung, er sei in eine Art Teufelsrachen eingezwangt,
dessen gro?e scharfe Zahne seinem Korper schreckliche Qualen bereiteten.
Der Kopf schmerzte heftig. Irgendwo im Innersten des Gehirns zuckte, stach
und schnitt es. Waloka hatte nicht die Kraft, sich zu bewegen, und das
war ihm merkwurdigerweise schrecklich unangenehm. Noch starker schmerzte
der Rukken. Waloka dunkte es, als liege er mit nacktem Oberkorper auf
einem Stoppelfeld, und Disteln und nadelspitze Stoppeln bohrten sich in
seinen Leib. Er wollte schreien, seinen Nachbarn Trofim rufen, der nebenan
mit einer Mahmaschine arbeitete, brachte aber keinen Ton heraus. Gleich
darauf merkte er jedoch, da? der, der da mahte, gar nicht Trofim, sondern
der Deutsche Fritz war und da? er eine MPi hatte - mit der einen Hand
hielt er die Zugel, mit der anderen die Waffe auf dem Scho?. Seltsamerweise
sprach der Deutsche belorussisch. Waloka zitterte vor Angst, er wu?te,
da? Fritz gleich die Pferde anhalten und ihn erschie?en wurde. Er fuhr
um Waloka herum, der Kreis wurde immer enger, und die Zahne der Mahmaschine
naherten sich immer mehr seinen Fu?en. Obendrein brannte so unbarmherzig
die Sonne, da? der Kopf zu platzen drohte. Waloka fuhlte sich wie ausgedorrt
und verspurte einen unertraglichen Durst. "Trinken, trinken",
flusterte er. Es war jedoch nichts zu horen - die Lippen bewegten sich,
aber kein Ton kam heraus. Dann sank die Sonne tiefer und naherte sich
ihm, wurde jedoch seltsamerweise immer kleiner, bis sie die Gro?e einer
Feuerzeugflamme erreicht hatte. Die Angst verging allmahlich, nur die
Hitze wurde unertraglich, und der Durst nahm noch zu. Dann wurde es ringsum
dunkel, Feld und Mahmaschine verschwanden, und Waloka war bereits im Krieg.
Hinter einem Berg ratterte ein MG, und dicht uber seinem Kopf horte er
die beruhigende Stimme des Sanitaters Korban von seiner Kompanie: "Gut,
Waloka, gut! Waloka lebt, shiw gut." Der Sanitatsinstrukteur sprach
deutsch, aber Waloka wunderte sich nicht daruber, er war froh, da? jemand
bei ihm war, der ihn nicht im Stich lassen durfte. Und wieder leuchtete
in der Dunkelheit das Flammchen auf und entschwebte in unbekannte Fernen.
Waloka bekam Angst, weil man ihn verlie?; er schrie, wie er manchmal als
Kind geschrien hatte, wenn ihn bose Traume schreckten. Dann erblickte
er, bereits wirklicher, in der Dunkelheit eine von der anderen Seite beleuchtete
Gestalt mit losgerissener, auf dem Rucken baumelnder Achselklappe. Die
Gestalt bewegte sich, fur einen Augenblick war die Wand von einem matten
Fleck erhellt - erst an einer Stelle, dann an einer anderen. Und nun wurden
in einer beleuchteten Ecke die vertrauten Konturen der MPi sichtbar. Waloka
wunderte sich - das war doch seine PPS Nummer PL 0482! Er war sich noch
nicht bewu?t, wie ihm geschehen und wer da bei ihm war, aber da? das nicht
der Sanitater war, merkte er doch schon. Und das Bewu?tsein, da? er entwaffnet
war, loste in seinem Herzen beinahe wieder Angst aus. Er uberwand sie,
richtete sich auf, stutzte sich auf die zitternden Arme, tastete nach
einem Ziegelstein und wartete. Toten, toten, toten um jeden Preis, sonst
totet der andere dich! Waloka versuchte aufzustehen, sein Herz schlug
heftig, er wurde nur noch schwacher, die schweren Arme gehorchten ihm
nicht, und die schrecklichen Schmerzen im Kopf verstarkten sich noch.
Der Feind aber kroch bereits in der dammerigen Ferne mit seiner Lampe
umher - was suchte er nur? Dann machte der Lichtfleck halt, flackerte
auf der Stelle, und das Schlo? der Maschinenpistole klirrte kurz. Von
Schmerzen und Uberanstrengung erschopft, krummte sich Waloka zusammen,
ihm wurde schwarz vor Augen, und da krachte in der Ecke dumpf ein Schu?.
Der rote Feuerschein blendete ihn, seine Arme knickten ein, und er fiel
um, doch der Schmerz nahm nicht zu. Er fand die Kraft zu schreien - fur
einen Soldaten ist es schrecklich, in solcher Stille und Verborgenheit
zu sterben -, doch da vernahm sein Ohr leise, regelma?ige Gerausche, die
sehr an das Tropfeln von den Dachern im Marz erinnerten. Aber naturlich,
so konnte nur Wasser tropfen! Waloka sah in der Dunkelheit bereits einen
hellglanzenden Strahl, und da er spurte, wie ihn seine Sinne wieder verlie?en,
entrang sich ihm ein Stohnen.
Seine nachste Empfindung war eine sanfte, behutsame Beruhrung am Bart
und am Hals, ihm war, als krieche ihm ein lebendiges, kuhlschlupfriges
Wesen in den Kragen, aber die Lippen belebten sich plotzlich, er hatte
ein angenehmes Gefuhl im Mund, und etwas Hartes, Eisernes stie? wiederholt
gegen seine Zahne. Waloka hob die Lider, da sah er schmerzhaft grelle
Funken auf sich zukommen, sie schwankten und tanzten dicht vor seinem
Gesicht, ohne ihn jedoch zu verbrennen. Dann merkte er, da? alles nur
eine Spiegelung im Wasser war. Aus weiter Ferne drangen die Worte: "Trinken,
Iwan! Trinken!" in sein getrubtes Bewu?tsein.
Er schluckte lange und viel, seine Zahne stie?en fortwahrend gegen den
Rand des Gefa?es. Urplotzlich kam ihm die Wirklichkeit wieder eindringlich
zum Bewu?tsein - er erinnerte sich, wo er sich befand und wer bei ihm
war. Der Deutsche! Fritz! Fur einen Augenblick ri? er sich vom Wasser
los und blickte auf - uber ihm brannte in einer Hand das Feuerzeug; das
unnaturlich beleuchtete Gesicht mit den behaarten gro?en Nasenlochern
und den buschigen Brauen, unter denen das vorgewolbte gelbliche Wei? der
Augen flimmerte, sah von unten schrecklich, stumpfsinnig aus und schien
zu einer grotesken Grimasse verzogen. Aus den Augen sprach jedoch gutmutiges
Mitgefuhl, und das beruhigte Iwan.
"Trinken, Iwan! Trinken."
Er beugte den Kopf wieder uber das Gefa?, in dessen Tiefe die vertraute
Flamme tanzte. Auf einmal wurde Waloka ubel, und er hob den Kopf. Fritz
brummte etwas und stellte das Wasser beiseite.
Waloka wurde leichter - die unertragliche Hitze lie? nach, nur im Kopf,
in den Schultern und innerlich hatte er dumpfe Schmerzen. Er schlo? erneut
die Augen und uberlie? sich der Ruhe, doch plotzlich fiel ihm seine MPi
ein. Er fuhr hoch, aber die Hande des Deutschen hielten ihn sogleich zuruck
und zwangen ihn, sich wieder hinzulegen. In einem lichten Moment wunderte
sich Waloka uber sich selbst: Warum sich furchten? War er doch jetzt ganz
in der Hand des Deutschen. Waloka empfand eine stille Zuneigung zu ihm,
so als seien sie gute alte Bekannte, die einander brauchten. Deshalb weg
mit dem Mi?trauen, der Vorsicht, den Zweifeln. Alles, was uber ihnen lag,
geschichtet aus nationalen Gegensatzen, politischer Feindschaft und Kriegserlebnissen
- das alles blieb jetzt in der Au?enwelt, verlor hier unten seinen Sinn,
seine Macht.
Waloka beruhrte mit der Hand das Knie des Deutschen und druckte es schwach.
Fritz reagierte lebhaft, ergriff Walokas Arm, druckte ihn behutsam nahe
dem Ellbogen und legte ihn vorsichtig wieder auf die Erde.
Dann sank Waloka in eine Art Halbschlaf. Die Schmerzen lie?en allmahlich
nach, doch die inneren Qualen dauerten fort. War es nur ein Traum, oder
war es Alpdrucken, jedenfalls suchten ihn die bosen Visionen weiter hartnackig
heim.
Er sah sich in Breslau, am Stadtrand, in einem Garten, wo ihr Regiment
eine Woche vor dem Angriff umgruppiert wurde. Der bereits bei Orscha gefallene
Bataillonskommandeur Poprenko lebte plotzlich wieder. Er hatte Waloka
in den Stab bestellt, und Waloka lief bedruckt zum Unterstand, obgleich
er wu?te, da? der Bataillonsstab in Breslau in einer luxuriosen Villa
mit Balkon untergebracht war. Im Unterstand fand Waloka jedoch zu seiner
Verwunderung nicht Poprenko, sondern Hauptmann Woranau vor. "Na,
du deutscher Spion", empfing er Waloka, packte ihn bei den Schultern
und ri? ihm die Achselklappen herunter. Dann richtete er die Pistole auf
die runden Medaillen an Walokas Brust. "Hast einen Deutschen versteckt?
Dem Feind Tabak angeboten? Warum hast du ihn nicht getotet?"
Waloka wollte erklaren, wie es ihm im Keller ergangen war, konnte jedoch
auf einmal nicht sprechen. Er fuhlte, da? er sogleich sterben wurde. Und
Woranau scho? tatsachlich, doch Waloka spurte keinen Schmerz. Da erriet
er, da? die Kugel von einer der Medaillen abgeprallt war. Die Medaillen
hatten ihm das Leben gerettet. Aber da hatte Woranau statt der Pistole
plotzlich eine schwere Pak-Granate in der Hand - das war das sichere Ende.
"Verrater! Hast die Heimat verraucht? Dafur hast du die hochste Strafe
verdient!" drang es schrecklich an Walokas Ohr, und er sah sich nach
einer Fluchtmoglichkeit um. Und auf einmal war hinter ihm ebenes Feld,
Woranau war verschwunden, und er, Waloka, sa? wie in der guten alten Vorkriegszeit
an einem Fruhlingstag am Rande einer Furche, die blo?en Fu?e im feuchten,
weichen Lehm. Neben ihm sa?en Kolchosbauern aus seinem Dorf, die Pferde
ruhten sich aus, und uber das frischgepflugte Land stelzten Saatkrahen
und pickten gro?e wei?e Wurmer auf. Alle lachten und scherzten, fruhstuckten
und tranken bernsteingelben gegorenen Birkensaft. Waloka hatte ebenfalls
Durst, aber ihm hatte niemand Fruhstuck gebracht, da sein Haus zu weit
entfernt lag. Er war der einzige Uniformierte unter ihnen, er trug Reithosen
und eine Feldbluse, allerdings ohne Schulterklappen, und in einiger Entfernung
lagen auf dem umgepflugten Acker seine MPi und seine Mantelrolle. Auf
dieser sa? reglos eine gro?e schwarze Krahe. Alle lachten und rauchten,
Waloka aber wu?te, da? er kein Fruhstuck mehr bekommen wurde, denn er
war zum Tode verurteilt, und das, worauf die Krahe sa?, war bereits dem
Unterfeldwebel ubergeben worden, der ihn von der Versorgungsliste gestrichen
hatte.
Dann verschwanden Menschen, Pferde und Krahen, nur die eine, die reglose,
sa? immer noch da und krachzte. Wie sich dann herausstellte, war es ein
Rabe. Dieser eigensinnige, geheimnisvolle Vogel flo?te Waloka Furcht ein;
er versuchte aufzuspringen, zuckte krampfhaft und erwachte.
6
Die qualvolle Nacht hatte Walokas Bewu?tsein
getrubt, und er begriff nur langsam, wo er sich befand und was mit ihm
geschehen war. Irgendwo knatterten Feuersto?e aus Maschinenpistolen, krachten
Gewehrschusse. Einmal ertonte sogar ein Schrei, aber Waloka konnte nicht
ermitteln, aus welcher Richtung er kam. Er uberwand seine Schwache und
offnete die Augen.
Im Keller war es verhaltnisma?ig hell. Vor der Wand, da, wo sie die Platte
herausgerissen hatten, war ein neuer Haufen Ziegelschutt emporgewachsen
(das alles war wohl auf ihn herabgesturzt), und daruber schien durch ein
Loch das helle Tageslicht herein. Sofort wurde Waloka von freudigem Verlangen
beflugelt, er erwachte endgultig aus seinem Dammerzustand, setzte sich
auf und verschnaufte. Dann hob er langsam den Kopf; er war mit einem Lappen
umwunden, dessen Ende neben dem Ohr herabhing. Vorsichtig betastete er
den blutgetrankten Verband. Da blitzte in ihm die Erinnerung auf, was
mit ihm geschehen war, und er dachte dankbar an den Deutschen.
Fritz Hagemann sa?, mit dem Rucken an den verbogenen Trager gelehnt, neben
ihm und schlief. Der Kopf war ihm auf die Schulter gesunken, das sparliche
Haar war zerzaust, die Unterlippe hing herab. Uber Nacht waren die Bartstoppeln
auf seinen hageren Wangen noch langer geworden, und er sah sehr mude aus.
Zu seinen Fu?en stand ein Stahlhelm mit dem Rest Wasser. Waloka griff
sofort danach, doch er stellte ihn gleich wieder angeekelt hin. Der Helm
roch so stark nach Schwei?, da? ihm beinahe ubel wurde. Es war ein deutscher
Stahlhelm, wie sie zu Hunderten auf dem Schlachtfeld herumlagen; die sowjetischen
Soldaten stie?en sie stets mit dem Fu? beiseite, zumal sie meistens blutig
und durchschossen waren. Der Helm weckte in Waloka sogleich feindselige,
abweisende Gefuhle.
Er runzelte die Stirn, horchte erneut und schaute sich um. In dem Winkel
unter der Treppe war auf dem Fu?boden ein nasser dunkler Fleck zu sehen,
und er horte regelma?ig Wasser tropfen. Aus der Wasserleitung wahrscheinlich,
dachte er und blickte wieder auf den Deutschen. Der schlief, mude von
der Nacht, und Waloka dachte in der Stille angestrengt daruber nach, was
weiter zu tun war.
Er mu?te hinaus. Er wurde schon irgendwie allein hinausklettern konnen
- das Loch war da, wozu brauchte er jetzt den Deutschen! Mochte er weiterschlafen,
und wenn er aufwachte, sollte er selbst sehen, wo er blieb; ohne ihn war
ihm wohler. Nur, wer war jetzt da oben? Das Schie?en schien noch zuzunehmen
- es war von der einen wie von der anderen Seite zu horen. Ganz in der
Nahe ertonten nacheinander drei Detonationen. Wer ist das? Die Unseren?
Und wenn es nun die Deutschen sind? Wenn es die Deutschen waren, wurden
sie ihm eine Kugel durch den Kopf jagen, und waren es die Kameraden, so
wurde es dem Deutschen schlecht ergehen. Der brauchte nur auf einen rigorosen
sowjetischen MPi-Schutzen zu sto?en, und schon lag er, bevor er uberhaupt
die Hande hochbekam, neben einem hartgesottenen SS-Mann hingestreckt.
Die Jungs kannten oft keine Gnade mehr fur den Feind, bei vielen waren
die Wunden im Herzen noch zu frisch - da mu?te man auf alles gefa?t sein.
Nein, er mu?te doch mit Fritz zusammen hinausklettern und ihn als Gefangenen
abliefern - alles andere war dann nicht mehr seine Sorge.
Wahrend Waloka diese Uberlegungen anstellte, sa? er neben dem Deutschen
und betrachtete den Schlafenden ohne Feindschaft, aber auch ohne Sympathie.
In der Nacht war es anders gewesen - da hatte er nur das vom Feuerzeug
beleuchtete Menschenantlitz gesehen, das genauso war wie andere auch.
Jetzt aber sa? ein deutscher Soldat in staubiger Uniform mit losgerissener
Schulterklappe und kurzen Lederstiefeln vor ihm. Neben ihm lag sein Stahlhelm
mit dem Adler darauf, nur die deutsche MPi fehlte. Walokas PPS lag in
Reichweite. Nach Soldatengewohnheit langte er danach, erwischte sie am
Riemen und zog sie zu sich heran. Das Magazin scharrte uber den holprigen
Boden, das ruhige, gleichma?ige Atmen des Deutschen ri? plotzlich ab,
und er erwachte.
Zuerst schien er zu erschrecken, blinzelte, doch als er Waloka erkannte,
lachelte er und sagte leicht verwundert:
"Oh, Iwan leben? Gut, gut."
Als er bemerkte, da? Iwan seine Maschinenpistole an sich genommen hatte,
runzelte er besorgt die Stirn. Fur einen Augenblick sprach Beunruhigung
aus seinen Augen, doch er unterdruckte sie sofort und sagte forsch, bemuht,
jedes Wort moglichst deutlich auszusprechen:
"Wir konnen gehen - moshno idi. Dahin idi. Tur, dwer ich machen."
Waloka wollte lacheln, aber sofort stach es in seinem Kopf, und sein Gesicht
verzerrte sich.
"Schmerzen? Bolno?"
"Macht nichts." Waloka runzelte die Stirn. "So leicht sind
wir nicht kleinzukriegen."
Er wollte dem Deutschen seine Schwache nicht zeigen und richtete sich,
die Hande zu Hilfe nehmend, auf. Vor seinen Augen zerflossen rote Kreise.
Er erhob sich mit gro?er Anstrengung, beherrschte sich jedoch und stohnte
nicht. Nachdem er eine Weile dagestanden hatte, kletterte er unsicher
uber den Schutt zu dem Loch hinten in der Ecke. Fritz wollte ihn stutzen,
aber Iwan wehrte eigensinnig ab.
Leicht humpelnd begab sich der Deutsche ebenfalls zu dem Loch, kletterte
als erster hinauf und schaute hindurch; hinter ihm arbeitete sich auch
Waloka den Schuttberg hinauf. In diesem Augenblick knatterten in der Nahe
nacheinander zwei Feuersto?e und waren Stimmen zu horen - jemand schrie,
dann wurde oben gesprochen, nicht leise, aber auch nicht so laut, da?
sie etwas verstehen konnten. Waloka pre?te die Zahne aufeinander, und
der Deutsche sah ihn mit halbgeoffnetem Mund und nervoser Spannung in
den grauen Augen an. Sie standen eine Zeitlang starr und stumm unter dem
Durchbruch. Wieder ging ihnen die Frage: Wer ist das? durch den Kopf und
lie? sie erstarren wie vom Eishauch des Todes.
Doch das Gesprach uber ihnen brach ab - entweder waren die Manner weitergelaufen
oder verstummt, aber noch eine ganze Weile drangen die langen Feuersto?e
eines MG an ihr Ohr. Mit Tagesanbruch war der Kampf neu aufgelebt, und
Waloka wurde von Unruhe erfa?t.
Er bedeutete dem Deutschen, er solle hinausklettern. Fritz verstand, nickte
und suchte nach Gegenstanden, die er unterstellen konnte, um bequemer
das Loch zu erreichen. Er stapelte mehrere Betonklotze aufeinander und
versuchte es, aber der Aufbau war noch nicht hoch genug. Da humpelte er
wieder hinunter, holte den Stahlhelm und legte ihn obenauf. Nun konnte
er sich am Rand des Loches festhalten.
Er zog sich hoch, blickte hinaus, lie? sich jedoch unentschlossen wieder
hinuntergleiten. Abermals trafen sich ihre aufs hochste gespannten Blicke,
und erneut lauschten beide, um festzustellen, wer oben war. Doch vergebens.
Da verfinsterte sich die Miene des Deutschen, er trat entschlossen auf
den Stahlhelm, zog sich hoch, stutzte sich mit dem gesunden Knie auf einen
Vorsprung und war alsbald oben.
Dort stand er einige Augenblicke und sah sich um, wahrend Waloka gespannt
von unten zu ihm hinaufsah. Waloka hielt sich nur mit Muhe auf den Beinen,
vor seinen Augen drehte sich alles, aber jetzt, das fuhlte er, fiel die
wichtigste Entscheidung, und den Moment wollte er nicht verpassen. Das
Gefuhl der Ohnmacht verstarkte sich bei ihm. Wenn nun der Deutsche davonlauft
und mich allein im Keller zuruckla?t? scho? es ihm durch den Sinn. Er
fuhlte bereits Zuneigung zu diesem ungewohnlichen Feind in sich keimen
- jetzt brauchte er ihn so notig, wie man einen Kameraden in einer schwierigen
Situation braucht.
Aber der Deutsche lief nicht davon. Er trat von einem Fu? auf den anderen
und hielt Umschau. Unter seinen Absatzen rieselte Sand in den Keller.
Dann steckte er seinen Arm fast bis zum Ellbogen durch das Loch.
"Iwan, schnell! Bystro."
Waloka kletterte auf den Stahlhelm und streckte ihm die Hand entgegen,
doch der Deutsche wies auf die Maschinenpistole. Iwan nahm die PPS von
der Schulter, reichte sie ihm und erschrak dann plotzlich. Einen Moment
glaubte er, der andere habe ihn uberlistet. Doch der Deutsche dachte nicht
daran, auf ihn zu schie?en - behutsam, wie Soldaten mit Waffen umzugehen
pflegen, legte er die MPi neben sich und streckte beide Hande durch das
Loch.
Waloka reckte sich und reichte ihm seine, der Deutsche packte sie kraftig
und zog ihn hoch. Waloka stemmte sich mit dem Stiefel gegen die Wand und
walzte sich seitlich uber den Rand des Loches. Dabei mu?te er die Zahne
fest zusammenbei?en, um nicht aufzustohnen.
Nun waren sie oben, in einer gro?en Hausruine, die, eine unversehrt gebliebene
Brandmauer gen Himmel reckend, wie ein riesiges Mahnmal des alles zerstorenden
Krieges dastand. An der Wand des ersten oder zweiten Stockwerkes hing
schief ein Bild in vergoldetem Rahmen, daneben ein von Splittern zerfetzter
Wandteppich mit Elchen. Daruber ragte, sich an den Rest des Fu?bodens
klammernd, ein umgesturztes Bett mit Drahtnetz vor. Mit zerschlagenem
Rahmen schwang ein Fensterflugel im Morgenwind hin und her. Die Stra?e
war nicht zu sehen; sie wurde von einer zweiten Wand verdeckt, die nach
innen gesturzt war. Als riesige Platte stieg sie vor ihnen schrag an,
und daruber wiegten sich im hell gewordenen Morgenhimmel die Wipfel der
Akazien, unter denen tags zuvor die MPi-Schutzen zum Angriff vorgegangen
waren.
Beide verschnauften ein wenig und horchten auf das von der Stra?e heruberdringende
Schie?en und die Schritte der Laufenden. Auch Schreie waren zu horen,
doch Waloka verstand kein Wort. Der Deutsche aber zuckte plotzlich zusammen
und sturmte, die Arme schwenkend, die Trummerwand hinauf. Er entfernte
sich rasch von Waloka, der muhsam einen Fu? vor den anderen setzte und
sich hinter ihm herschleppte. Fritz erreichte als erster die Stelle, von
der man auf die Stra?e springen konnte. Scharf zeichnete sich seine schlanke
und sehnige Gestalt gegen den Himmel ab. Da horte Waloka deutlich rufen:
"Hagemann, Hagemann! Los, hierher! Hagemann!"
Waloka war auf das Schlimmste gefa?t gewesen, dennoch uberlief es ihn
in diesem Augenblick kalt. Er duckte sich, kauerte sich nieder. Fritz
aber drehte sich um und schrie, plotzlich vor Freude strahlend:
"Iwan! Iwan! Komm!"
Und setzte zum Sprung an, um zu seinen Kameraden zu laufen.
"Stoi!" rief Iwan halblaut, aber mit fester Entschlossenheit.
"Stoi!"
Auf dem Gesicht des Deutschen malte sich Besturzung, ja sogar Schmerz,
vielleicht auch Angst, doch gleich darauf fuchtelte er mit den Armen in
der Luft herum und verschwand auf der anderen Seite der Ruine.
Zuerst war Waloka wie vor den Kopf geschlagen - das hatte er nicht erwartet.
Doch dann uberwand er mit einer gewaltigen Willensanstrengung seine Schwache
und kletterte uber die Trummer dorthin, wo Fritz verschwunden war.
Der war noch nicht weit gekommen. Die ganze Stra?e lag voller Trummer,
und er kletterte gerade uber einen gro?en Mauerbrocken unweit der Stelle,
an der Waloka auftauchte. Auf der anderen Seite, langs der eisernen Umzaunung
der Grunanlage, liefen, schie?end und sich duckend, Deutsche.
"Stoi!" schrie Waloka Hagemann nach. "Fritz! Stoi!"
Der Deutsche zuckte zusammen und hob den Kopf. Sein Gesicht, so schien
es Waloka, verzog sich wie vor Schmerz. Er hielt inne und warf einen Blick
zu Waloka und dann zu der Grunanlage hinuber, wo die Deutschen, erstaunt
uber die Zurufe zwischen ihrem Kameraden und einem Russen, stehenblieben
und sich ihnen zuwandten. Doch sie besannen sich nicht lange. Schlosser
knackten, und eine gellende Offiziersstimme hallte uber die Trummer:
"Hagemann, hierher! Wir schie?en!"
Fritz walzte sich uber den Ziegelbrocken, der ihm den Weg zu seinen Kameraden
versperrte. Waloka fuhlte, da? jetzt alles aus war, er dachte nicht mehr
an sich selbst, sondern nur noch daran, diesen Mann nicht dem Feind zu
uberlassen, und gab einen Feuersto? auf ihn ab. Die Kugeln wirbelten in
den Trummern Staub auf und spritzten nach allen Seiten.
Der Deutsche fuhr herum und warf ihm einen Blick zu, aus dem die tierische
Wut eines in die Enge getriebenen Menschen sprach. Waloka warf sich hin,
ohne den Deutschen aus den Augen zu lassen, und sah, wie dieser mit fieberhafter
Hast in die Tasche griff, ausholte und etwas zu ihm heruberschleuderte.
Klein und schnell, sauste es wie ein schwarzer Vogel durch die Morgenluft
und schlug vor ihm dumpf gegen den Putz der Wand. Waloka erfa?te nicht
sofort, da? es eine Handgranate war; erst als sie abprallte und in seiner
Nahe niederfiel, begriff er, da? es keine Rettung mehr gab. Da ri? er
die Maschinenpistole an die Schulter und druckte ab.
Seine Schusse horte er nicht, er sah nur noch im Bruchteil einer Sekunde,
wie Fritz Hagemann sich um sich selbst drehte und zu Boden sturzte. Fast
gleichzeitig detonierte krachend die Handgranate. Waloka bekam einen heftigen
Schlag gegen die Schulter, und gleich darauf verschwand er im Staub, der
die Trummer als dichte, stickige Wolke einhullte.
Der Staub rettete ihn.
Er horte die Deutschen mit MPis schie?en, mehrere Kugeln zerschmetterten
Ziegelsteine in seiner Nahe. Doch behende zog er sich geduckt zuruck,
warf sich hin, sprang wieder auf, rollte sich uber einen gro?en Steinbrocken,
lief um das Loch in dem tiefen Trichter herum, aus dem sie kurz zuvor
herausgeklettert waren, und gelangte aus der Ruine auf ein mit Trummern
ubersates Grundstuck. Auf einem mit Betonplatten ausgelegten Weg lief
er bis zu einer Dornenhecke, zwangte sich durch das dichte Gestrupp, das
ihm die Sachen zerri?, und befand sich in einer schmalen Gasse.
Im nachsten Augenblick hatten ihn beinahe sowjetische MPi-Schutzen uber
den Haufen gerannt. Mit lautem Getrappel kamen sie vorbeigelaufen, offenbar
um den Deutschen, die langs der Grunanlagen vorgingen, den Weg zu verlegen.
Der letzte warf einen finsteren Blick auf Walokas blutigen Kopf, sagte
jedoch nichts. Erst jetzt spurte Waloka, da? der brennende Schmerz seine
ganze Schulter erfa?t hatte.
Die MPi-Schutzen verschwanden um die Ecke, und die trummerubersate Gasse
lag verodet. Waloka schaute in die eine Richtung, dann in die andere,
hangte sich die MPi um und wankte, die von Splittern verletzte Schulter
schonend, dahin, wo seine Kameraden hergekommen waren. Hoch oben am klaren
Fruhlingshimmel krachte, pfiff und donnerte das laute Echo des Kampfes.
Wie ist das nur moglich? Was ist das blo?? Erst jetzt befielen ihn Verwunderung
und Nachdenklichkeit. Vergeblich versuchte er, etwas zu begreifen, sich
an etwas zu erinnern. Innerlich aufgewuhlt und erschopft, spurte er nur,
da? ein entsetzliches, ihm noch nicht voll verstandliches Unrecht geschehen
war, dem er und auch Fritz Hagemann machtlos gegenuberstanden. Von ohnmachtiger
Krankung und Schmerz gewurgt, hatte er am liebsten losgeheult.
1961
Ubersetzung: Dieter Pommerenke
Quelle: Wassil Bykau. Romane & Novellen. Koln, Pahl-Rugenstein Verlag,
1985.
Bielaruskaja Palicka: Беларуская
Палiчка
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